Rolle
und Aufgaben des Marxismus -
Seine verschiedenen Ausprägungen
und sein Verhältnis zur Anthroposophie
(aus der vergriffenen
Schrift: Der Umbruch in der Sowjetunion -
Mitteleuropäische Perspektiven, Dornach 1988)
Die
Relevanz einer Auseinandersetzung mit dem Marxismus liegt auf der
Hand, auch wenn wir hierzulande keinen Marxismus-Boom mehr haben wie
in den späten 60er und frühen 70er Jahren. Nach wie vor ist der
Marxismus eine der wichtigsten Strömungen unserer Zeit. Er hat sich
auf einem Drittel der Erde, darunter in großen Teilen Mitteleuropas,
als führende Weltanschauung etabliert und fungiert in den
"kapitalistischen" Ländern und in der dritten Welt nach wie
vor als Leitidee fundamentaloppositioneller Strömungen. Selbst
diejenigen, die lange Zeit vom totalen Verfall und der Vergreisung des
Marxismus gesprochen und publikumswirksam die Frage ventiliert haben,
ob die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben kann, sie müßten heute -
angesichts dramatischer Entwicklungen im ersten
marxistisch-sozialistischen Staat der Welt - zugeben, daß sie es sich
ein wenig zu leicht gemacht haben.
Dasselbe
kann man von denjenigen sagen, die es lange "schick" fanden,
die Anthroposophie als eine vielleicht ganz liebenswürdige, aber im
ganzen doch recht verrückte Randerscheinung des gesellschaftlichen
Lebens zu belächeln. Auch die weltweit erstarkende anthroposophische
Bewegung ist eine Strömung, die im deutlichen Gegensatz zu
vorherrschenden Gedankengewohnheiten steht. Und das wachsende
Interesse für diese Bewegung führt dazu, daß sie sich generell dem
Dialog mit Andersdenkenden immer weniger entziehen darf.
Auf
der anderen Seite scheint die zwischen Marxismus und Anthroposophie
bestehende Kluft aber auch wieder unüberbrückbar zu sein: Schon die
Assoziationen, die sich bei dem Wort "Marxismus" und bei dem
Wort "Anthroposophie" für die meisten nicht ganz
uninformierten Zeitgenossen einstellen werden, sind denkbar
unterschiedlich: Beim Stichwort Marxismus denkt man zuerst vielleicht
an rote Fahnen und demonstrierende Arbeiter und Studenten, an die
Oktoberrevolution oder den langen Marsch der chinesischen Kommunisten.
Man denkt an eine politische Bewegung, die die äußeren Verhältnisse
umgestalten will und innere spirituelle Vertiefung als etwas
Sinnloses, von den wahren Aufgaben des Menschen Ablenkendes, ansieht.
Bei dem Stichwort "Anthroposophie" fallen einem in der Regel
erst einmal ganz andere Dinge ein: wehende Eurythmieschleier
vielleicht oder eigentümliche organische Bauformen, Waldorfpädagogik
und biologisch-dynamische Landwirtschaft. Und damit verbindet sich die
Vorstellung, daß es sich bei den Anthroposophen um Menschen handelt,
die einer spirituellen Weltanschauung anhängen, die auf eine starke
Verinnerlichung des Menschen abzielt. Unabhängig davon, auf welcher
Seite die jeweiligen Sympathien liegen: Es scheint sich erst einmal um
zwei Welten zu handeln, zwischen denen ein Dialog schier unmöglich
erscheint.
Der
Anthroposophie dürften immer noch relativ wenige Menschen zutrauen,
ein Konzept gesamtgesellschaftlicher Umgestaltung und damit zugleich
Anregungen zum politischen Handeln liefern zu können. Und mancher
wird geneigt sein, den Weg in höhere Welten als Flucht aus den
Problemen des Diesseits aufzufassen. Der "emanzipatorische"
Ansatz der Anthroposophie, ihr Einsatz für eine radikale Erneuerung
der Gesellschaft, wird immer noch oft übersehen, sicherlich nicht
ganz ohne Mitverschulden mancher Anhänger der anthroposophischen
Bewegung.
Auf
der anderen Seite wird nicht immer genügend gewürdigt, daß der
Marxismus mit den spirituellen Weltbildern zumindest das eine gemein
hat, daß er die Antwort auf die Sinnfragen des Daseins nicht generell
verweigert: Der Agnostizismus - also die These, daß dem Menschen nun
einmal unübersteigliche Erkenntnisgrenzen gesetzt seien - woher weiß
man, daß es nicht nur die je eigenen sind? - ist seine Sache nicht.
Ein solcher Agnostizismus ist ja letztlich unbefriedigend, wenn auch
sehr bequem, weil weitere Fragen sich erübrigen.
So
erscheint der Versuch der Gegenüberstellung lohnend, der Chancen
einer inhaltlichen Auseinandersetzung eröffnet. Sie kann dazu
beitragen, daß Gespräche möglich werden. Für unseren Versuch
spricht auch die Tatsche, daß die Zeiten, in denen man alle
Sinnfragen mit Ideologieverdacht belegen und die sie zu stellen
wagten, als "pseudowissenschaftliche Heilslehrer" abtun
konnte, vorbei zu sein scheinen: Heute ist gegenüber der Zeit der
"Entideologisierung", in der man zumeist vom
Technisch-Machbaren fasziniert war, wieder eher eine Suche nach Sinn
zu beobachten. Daß dabei - zum Teil unter vieldeutigen Oberbegriffen
wie New Age - auch Angebote fragwürdiger Art mitlaufen, ändert
nichts am Wert des Quellimpulses dieser Suchbewegungen, macht aber auf
der anderen Seite die Ausbildung eines Unterscheidungsvermögens für
die qualitative Differenz zwischen Idee und Ideologie um so aktueller:
Wer die Welt umfassend anzuschauen versucht, tut gut daran, sich gegenüber
jeder Dogmatismus-Gefahr zu wappnen.
Nun
ist leicht zu sehen, daß man die notwendige Differenzierung zwischen
Dogma und Erkenntnis nicht dogmatisch, sondern nur durch Erkenntnis
vornehmen kann. Und zwar durch eine Erkenntnis, die den
Erkenntnisprozeß selber so zu erkennen vermag, daß objektive
Erkenntnisse und rein subjektive "Bestätigungserlebnisse"
unterscheidbar werden. Man kann das auch nennen: Es geht um die Frage
der erkenntniswissenschaftlichen Fundierung von Marxismus und
Anthroposophie.
Sinnsuche
Im
Grunde begann eine Sinnsuche schon in jener Zeit der Studenten- und
Jugendbewegung der sechziger und siebziger Jahre. Die Faszination, die
damals vom Marxismus ausging, hing mit dem Gefühl zusammen, daß hier
eine Theorie vorhanden war, die es ermöglichte, die Ursachen der
sozialen Übel und Ungerechtigkeiten zu durchschauen und zu bekämpfen.
Einen solchen Lebenssinn vermittelte die übliche akademische
Wissenschaft nicht. Für deren Bewußtseinshorizont bürgerte sich
seinerzeit ja dann auch das Wort vom "Fachidiotentum" ein.
Das
war eine Zeit, wo viele am Vietnam-Krieg und anderen Weltereignissen
politische Aufwacherlebnisse hatten, sehend wurden für Verhältnisse
der Ausbeutung und Unterdrückung, die man im Wirtschaftswunderland
Bundesrepublik bis dahin eher verdrängt hatte. Der Marxismus - das
war Kritik unmenschlicher Verhältnisse, deren Beseitigung er zugleich
versprach, Verhältnisse, denen gegenüber die Jugend ähnlich empfand
wie der junge Marx, der den kategorischen Imperativ formuliert hatte,
"alle Verhältnisse
umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein
geknechtetes, ein beleidigtes, ein verlassenes, ein verächtliches
Wesen"
ist.
Gewiß,
da war schon früh - bei dem einen stärker, bei dem anderen schwächer
entwickelt - ein Unbehagen, so ein Gefühl, der Marxismus in seiner
traditionellen Form habe für die individuelle und existentielle
Problematik des einzelnen zu wenig zu bieten. Aus diesem Gefühl
heraus sympathisierte man mit Versuchen, Elemente der Psychoanalyse
und Elemente des Marxismus zu verbinden, wie das ein Wilhelm Reich und
später ein Erich Fromm taten. Und aus diesem Gefühl heraus
sympathisierten viele mit einem Typus marxistischen Denkens, wie es
der seit 1961 in Tübingen lehrende Philosoph Ernst Bloch (1885-1977)
verkörperte. Die Rolle der Phantasie, die Kategorie des
Noch-Nicht-Seins, der Geist der Utopie und das Prinzip Hoffnung,
solche Themen machten die Anziehungskraft dieses als undogmatisch
erscheinenden Marxismus aus. Überhaupt waren in der "antiautoritären"
Phase der Studentenbewegung Theorieelemente aus anarchistischer
Tradition stärker, als die sich als Marxisten fühlenden Anführer
dieser Bewegung es wahr haben wollten.
Die
Anthroposophie, obwohl gerade sie die Frage nach der einmaligen
Individualität zum Thema macht, spielte damals keine Rolle. Es waren
verschwindend wenige, die etwas von ihr wußten. Vielleicht gerade
deshalb gab es nicht wenige, die wie der Ex-Kommunarde Rainer
Langhans, den Marxismus mit asiatischer Esoterik vertauschten und sich
zugleich vom politisch-sozialen Handeln verabschiedeten. Die
Auseinandersetzung, keineswegs eine massenhafte, begann erst später:
Wenn Joseph Huber 1979 im "Kursbuch" einen Artikel über
Steiner mit dem Titel "Astral-Marx. Über Anthroposophie, einen
gewissen Marxismus und andere Alternatiefen" versah, dann drückt
das leger, aber treffend aus, wie die Suche, die viele einmal zu Marx
führte, nun auch Rudolf Steiner einbezieht.
Die
Philosophiegeschichte ist reich an dummen Urteilen kluger Männer über
andere kluge Männer. Schopenhauers Diktum vom Windbeutel und
Scharlatan Hegel gehört hier ebenso hin wie Ernst Blochs Invektiven
gegen Steiner, den armseligen Literaten, der viel geschwätzig und
viertels gebildet, Geheimes zu versenden habe.[3]
Bei
dem Ansehen, das Bloch als eine Art Vaterfigur genoß - und das sich
unter anderem in seinem Verhältnis zum "Studentenführer"
Rudi Dutschke zeigte -, wirkte das Urteil bei denen, die sich selber
kein hinreichend begründetes bilden konnten, verheerend. Und wer von
den Anhängern des Marxismus hatte damals schon den geistigen
Horizont, um sich ein wirkliches Urteil über den Gehalt etwa des
dialektischen Materiebegriffs zu bilden? Wer vermochte die wahren
Beziehungen zwischen dem Marxismus und der klassischen Philosophie von
Kant, Fichte, Schelling und Hegel zu bestimmen, als deren Erbin
Marx-Freund Engels die Arbeiterbewegung einmal bezeichnet hat?
Auch
Rudolf Steiner hat ja ein sehr bewußtes Verhältnis zum Erbe der
deutschen klassischen Philosophie.
1907 provoziert er als Generalsekretär der deutschen Theosophischen
Gesellschaft auf dem internationalen Theosophenkongreß in München
das eher auf indische Esoterik eingestimmte Publikum dadurch, daß er
vorn im rot ausgeschlagenen Saal die Büsten von Fichte, Schelling und
Hegel aufstellen läßt.
Entstehungsbedingungen und
Denkmotive des Marxismus
Die
klassische Philosophie hatte den Anspruch der Vernunft proklamiert:
die Erkennbarkeit und Gestaltbarkeit der Welt aus dem menschlichen
Denken heraus.
Das war ein sinnvoller Ansatz, allem modernen Postmoderne-Gerede zum
Trotz.
Allerdings
ist diese Frage nach der Erkennbarkeit und Gestaltbarkeit der Verhältnisse
bis heute eine ungelöste. Wie können praktische Ideen so gebildet
werden, daß sie die Wirklichkeit nicht vergewaltigen? Wo sind in der
Wirklichkeit selbst die Tendenzen, auf die sich humaner Fortschritt stützen
kann? Wie geht man mit den Folgen von Erkenntnissen für Natur und
Gesellschaft um?
Die
klassische Philosophie beantwortete die Frage nach dem Fortschritt
idealistisch. Diese Antwort befriedigte viele Denker im 19.
Jahrhundert schließlich nicht mehr, obwohl sie an der Fragestellung
festhielten.
Es
bildeten sich verschiedene Strömungen des Atheismus und Materialismus
heraus.
Hegels
Philosophie erscheint den jungen Radikalen zu abstrakt, zu
logisch-luftig. Wo bleibt in dem Gespinst logischer Kategorien der
wirkliche, leibhaftige, leibhaft natürliche Mensch? So fragt der
junge Ludwig Feuerbach, derselbe, unter dessen Einfluß sich Marx zum
Materialismus bekehren wird. Hegel spricht zwar vom Selbstbewußtsein
des Geistes, aber das wirkliche Selbstbwußtsein in seiner radikal
kritischen Potenz, das faßt er nicht ins Auge - so Bruno Bauer, zunächst
ein Freund von Marx, später Objekt Marxscher Kritik. Die radikale
Kritik muß sich gegen den Staat richten, aber sie muß sich auch
gegen die Religion wenden. 1835 hat David Friedrich Strauß die
Schrift "Das Leben Jesu, kritisch betrachtet" veröffentlicht,
in der er zum Ergebnis kommt, daß die Christus-Gestalt historisch
nicht greifbar ist. Noch radikaler argumentiert Feuerbach in seiner
Schrift "Das Wesen des Christentums" (1841): Religion gilt
ihm als Form der menschlichen Selbstentfremdung: menschliche Fähigkeiten
werden vom Menschen abgelöst, in einen Himmel projiziert und
angebetet. Damit erniedrigt sich das menschliche Selbstbewußtsein. In
Wirklichkeit gibt es nur die diesseitige Welt.
Ein
Zentrum solch radikaler Kritik an Staat und Religion ist der
"Doktorclub" der radikalen Junghegelianer in Berlin. Unter
dem Pseudonym Dr. Oswald verkehrt dort Marxens späterer Lebensfreund
Friedrich Engels (1820-1895). Der leistet 1841/42 in Berlin seinen
Militärdienst bei der Infanterie als Einjährig-Freiwilliger ab, und
nebenbei gastiert er in den Vorlesungen der Berliner Universität, zum
Beispiel bei Schelling, gegen den er unter seinem Pseudonym
verschiedene Pamphlete verfaßt. Engels zeichnet Karikaturen der
Clubmitglieder, eine zeigt Karl Friedrich Köppen vor einer Batterie
von Gläsern: Die negative Dialektik erheischt, daß insbesondere der
Alkohol radikal und rasch vernichtet werden muß. Engels schreibt auch
ein Ulk-Gedicht über den Club. Da wird dann geschildert, wer dort
verkehrt. Unter anderem ist die Rede von einer Persönlichkeit, die
"Dr. Oswald" noch nicht persönlich kennengelernt hat, von
der er sich aber hat berichten lassen und die er so persifliert:
"Wer jaget hinterdrein mit wildem Ungestüm? / Ein schwarzer
Kerl aus Trier, ein markhaft Ungetüm./ Er gehet, hüpfet nicht, er
springet auf den Hacken/Und raset voller Wut, und gleich, als wollt'
er packen/Das weite Himmelszelt, und zu der Erde ziehn,/Streckt er die
Arme sein weit in die Lüfte hin..."
Kein
anderer ist das als Karl Marx, der von 1836-41 in Berlin studiert.
Am
5. Mai 1818 wurde Marx in Trier geboren, das seit dem Wiener Kongreß
zu Preußen gehört. Vater Marx hat Jura studiert. Da ein neues Edikt
die Stein-Hardenbergsche Reform in bezug auf die Beschäftigung von
Juden im Staatsdienst oder als Rechtsanwälte wieder aufgehoben hat,
muß Heinrich Marx, in dessen Familie es viele Rabbiner gab, zum
Protestantismus konvertieren, um seinen Beruf als Rechtsanwalt ausüben
zu können. Entsprechend freundlich dürften die Gefühle des jungen
Marx für den preußischen Staat gewesen sein. Der Blick über die
Grenze des nahen Frankreich, wo 1830 die Juni-Insurrektion den Bürgerkönig
Louis Philippe ans Ruder bringt, zeigt aber auch, daß der Versuch,
reaktionäre Zustände auf revolutionärem Wege zu verändern,
erfolgversprechend ist.
1835,
mit 17 Jahren, kommt Marx auf die Universität. Er studiert zunächst
in Bonn und dann in Berlin: Jura, aber mehr und immer lieber
Philosophie. Er schreibt Rechtfertigungsbriefe an den Vater, der ihn
zum Abschluß drängt ("Wir sind doch keine Goldmännchen").
Marx beschreibt seine inneren Kämpfe in durchwachten Nächten und ihr
vorläufiges Resultat: "Ein Vorhang war gefallen, mein
Allerheiligstes zerrissen, und es mußten neue Götter hineingesetzt
werden. / ... Von dem Idealismus ... geriet ich dazu, im Wirklichen
selbst die Idee zu suchen. Hatten die Götter früher über der Erde
gewohnt, so waren sie jetzt das Zentrum derselben geworden. Ich hatte
Fragmente der Hegelschen Philosophie gelesen, deren groteske
Felsenmelodie mir nicht behagte. Noch einmal wollte ich hinabtauchen
in das Meer, aber mit der bestimmten Absicht, die geistige Natur
ebenso notwendig, konkret und festgerundet zu finden wie die körperliche,
nicht mehr Fechterkünste zu üben, sondern die reine Perle ans
Sonnenlicht zu halten."
Worum
handelt es sich bei jener materialistischen Denkart, die im zweiten
Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend die Gemüter besetzt?
Materialismus ist die Reduktion der Welt auf Stoff und Kraft, oder,
moderner ausgedrückt, auf Materie und Energie. Geist ist, so
betrachtet, nur ein Epiphänomen, eine Art Ausschwitzung materieller
Prozesse. Die Materie ist gegenüber dem Bewußtsein das Primäre. Im
extremsten Fall wird von Jakob Moleschott formuliert, das Gehirn
sondere die Gedanken ab wie die Leber die Galle.
Die
materialistische Welle im 19. Jahrhundert schwoll in dem Maße an, in
dem Naturwissenschaft und die Technik immer neue Triumphe feierten.
Wenn auch der technische Fortschritt nicht automatisch sozialen
Fortschritt nach sich gezogen, sondern die "soziale Frage"
mit sich gebracht hatte, -
im Prinzip erschien alles durch natürliche Ursachen bedingt, und
damit berechenbar und beherrschbar: Die Haltung des Astronomen und
Mathematikers Laplace wurde immer mehr die vorherrschende. Der hatte
Napoleon auf dessen Frage, wo in seiner Theorie der Entstehung des
Planetensystems Gott bleibe, geantwortet: Sire, ich habe eine solche
Hypothese nicht mehr nötig.
Gewiß:
Viele Menschen hatten schwere Konflikte durchzumachen, ehe sie sich zu
einer solchen Anschauung durchgerungen hatten. Der junge Friedrich
Engels schreibt an seinen Jugendfreund von seinen Gebeten um Klarheit.
Doch er findet keinen Weg, religiöses Bedürfnis und Wissen der Zeit
in eine Übereinstimmung zu bringen.
Scheinbar
zwingend ergab sich ihm wie anderen Menschen, die für faule
Kompromisse zwischen Wissen und Glauben zu ehrlich waren, eine solche
materialistische Einstellung aus dem naturwissenschaftlichen Weltbild
des 19. Jahrhunderts. Es erscheint geradezu unausweichlich, daß man
wie folgt denken muß:
-
Die Menschen haben einmal geglaubt, Gott habe den Stoff geschaffen und
ihm Kraft und Leben eingehaucht. Die Energieerhaltungssätze zeigen
aber nun, daß jede materielle Kraft nur die Umwandlung einer anderen
Kraft ist. So erscheint die Kraft unerschaffen zu sein.
-
Die Gläubigen haben zum Himmel als zum Wohnort der Gottheit
aufgeschaut. Nun zeigt die Astronomie ein grenzenloses Weltall mit
lauter materiellen Körpern. Wo ist da Raum für einen Gott?
-
Man hat geglaubt, Gottvater habe den Menschen am sechsten Tag
geschaffen, und nun zeigt sich durch Darwin und Haeckel, daß sich die
menschliche Gattung allmählich durch natürliche Zuchtwahl aus dem
Tierreich entwickelt hat.
-
Die Menschen haben geglaubt, sie hätten eine unsterbliche Seele. Sie
konnten nur deshalb auf diese "langweilige Einbildung"
(Engels) verfallen, weil sie keine Ahnung hatten von der Physiologie
der höheren Nerventätigkeit.
Solche
Gedanken wirkten mit suggestiver Kraft, einer scheinbaren Evidenz, die
Gegenargumente einfach wegwischte und die Versuche der Schöpfer des
Entwicklungsgedankens - lange vor Darwin -, Evolution als Prozeß
mit geistigen Triebfedern zu verstehen, systematisch ignorierte und
verkannte. Während das Vermögen der Beobachtung äußerer Gegenständlichkeit
durch Teleskop und Mikroskop sich vervielfältigte, hatte die
Wahrnehmungsfähigkeit für Nichtmaterielles, beispielsweise seelische
Qualitäten, im gleichen Maß abgenommen.
Ja,
sogar der Inhalt der Sinnesempfindungen löst sich durch die
materialistische Denkart schließlich für viele in etwas rein
Subjektives und Illusorisches auf. Man sucht die Wirklichkeit hinter
den wahrgenommenen Qualitäten als unwahrnehmbare materielle Ursache
der sinnlichen Wahrnehmung. Das wird scheinbar durch die
Sinnesphysiologie bestätigt, die zeigt, daß die Empfindung erst mit
Hilfe des Großhirns zustande kommt. Also ist der Empfindungsinhalt
vorher nirgends da, so schließt man kurz. Ergo ist er nur im Bewußtsein
vorhanden, ergo ist die wirkliche Außenwelt farblos, tonlos und so
weiter. Das haben als erste der Philosoph Demokrit (ca. 460 - 380 v.
Chr.) und sein Lehrer Leukipp vertreten. Draußen, so deren These,
sind keine Farben, keine Gerüche, kein Warmes und kein Kaltes, draußen,
da sind nur die Atome als die kleinsten Bausteine der Materie und der
leere Raum, in dem sie sich bewegen. Die Natur erscheint da völlig
entseelt, leblos, als eine Art Weltenmaschine. Die heutigen
Vorstellungen über die Atome sind natürlich im einzelnen anders als
die hypothetischen der ersten Atomisten, aber geblieben ist dieselbe
Wissenschaftsgesinnung, die das Lebendige eigentlich gar nicht mehr
wahrhaben will, die Modelle ausdenkt, die es zwar erlauben,
Naturprozesse zu berechnen und zu beherrschen, die aber eigentlich
keinen ersichtlichen Zusammenhang zu den Naturphänomenen in ihrer
qualitativen Vielfalt und lebendigen Eigenart haben. Aus dieser
Gesinnung ist heute die Technik hervorgegangen, die durch ihre
Einseitigkeit und ihr mangelndes Verständnis des Lebendigen natürliche
Umwelt und Leben bedroht. Tschernobyl liegt auf einem Weg, der bei
Demokrit beginnt.
Demokrit
hat sich Karl Marx bereits in seiner Doktorarbeit vorgenommen, die er
1841 in Jena abliefert, wo er in absentia promoviert. Er ist damals
schon Atheist, aber noch kein Materialist. Er sieht die Widersprüche
des Demokritschen Ansatzes erstaunlich klar: Im Atom sei der Tod der
Natur ihre unsterbliche Substanz geworden, notiert er. Er kann sich
nicht entschließen, den sinnlichen Glanz der Welt als Illusion zu
betrachten und weiß sich hier einig mit einem anderen antiken
Atomisten: Epikur. Als er später unter Feuerbachs Einfluß zum
Materialisten wird, behält er die Abneigung gegen einen öden
mechanistischen Materialismus bei. Feuerbach selbst, der Hymnen auf
die Sinnlichkeit anstimmt, denkt da nicht anders. In Wirklichkeit
handelt es sich allerdings hier um einen Mangel an
erkenntnistheoretischer Reflexion: Man macht sich die Konsequenzen des
materialistischen Ansatzes nicht richtig klar. Das gilt auch für
Marx' Überzeugung, daß ein dialektischer Materialismus alle Schwächen
seiner Vorgänger vermeide, die das Bewußtsein einfach auf sein
materielles Substrat reduzierten und seiner gesellschaftlichen
Dimension nicht gerecht wurden. Ein dialektischer Materialismus kann,
so denken Marx und Engels, der Prozeßhaftigkeit der Welt und dem
lebendigen Leben der Wirklichkeit, ihrer qualitativen Bestimmtheit und
Vielgestaltigkeit gerecht werden.
In der Anerkennung einer übersubjektiven Bedeutung der Qualitäten,
in denen die Wirklichkeit hervortritt, liegt bei aller Gegensätzlichkeit
ein gewisser Berührungspunkt mit der Anthroposophie, für die der
Geist nichts schlechterdings Erfahrungstranszendentes, sondern etwas
sich in der Erfahrungswelt mit ihren Qualitäten Manifestierendes ist.
Historische Mission der
Arbeiterklasse
Marx
ringt um seinen eigenen Standpunkt: Er greift dabei die dialektische
Methode Hegels auf und versucht zugleich, den Hegelschen
"Idealismus" zu überwinden, den materialistischen Kern in
der idealistischen Hülle zu finden. "Das Große an der
Hegelschen 'Phänomenologie'",
schreibt er, "... ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung
des Menschen als einen Prozeß faßt, die Vergegenständlichung als
Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung;
daß er also das Wesen der Arbeit
faßt und den Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat
seiner eignen Arbeit begreift."
Hegel tut das vor allen Dingen in den Passagen über die Dialektik von
Herrschaft und Knechtschaft, wo entwickelt wird, wie der Knecht ein höheres
Bewußtsein durch die Arbeit an den Dingen erreicht, wie der Herr
durch seine Rolle in der Gesellschaftsorganisation passiv und abhängig
wird, während sich der Knecht durch die Formung der Dinge selbst
formt und so zur Selbständigkeit kommt.
Marx
greift Hegels Subjekt-Objekt-Dialektik auf und wendet das Ganze so, daß
bei ihm nun nicht mehr der Geist durch Arbeit zu sich selbst, sondern
der konkrete Mensch durch Arbeit zu Geist kommt. Dem Gewinn an
Konkretheit steht gegenüber der gänzliche Verlust des menschlichen
Ich. Verliert ein Max Stirner in seiner Variante der Hegel-Kritik das
Gesellschaftliche aus dem Blick, die sozialen Zusammenhänge, so Marx
die Dimension des ichhaften Selbstbewußtseins. Dieses wird zwar nicht
gänzlich geleugnet, wohl aber seiner Seinsgeltung beraubt: Der Kern
der Marxschen Hegel-Kritik besteht darin, daß Hegel vorgeworfen wird,
er begreife nicht, daß der Mensch ein gegenständliches Wesen und
damit wesentlich gegenständlich, also leiblich-physisch ist.
Marx
hat seine Kritik an Hegel zum ersten Mal im Bereich des Staatsrechts
entwickelt.
Er kritisiert den Hegelschen Staatsbegriff als Ausdruck des
"entfremdeten Gattungswesens", als Ausdruck einer bloß
fiktiven Gemeinschaftlichkeit. Er sagt sinngemäß: Bei Hegel gibt es
einen Dualismus zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Staat. In der
bürgerlichen Gesellschaft ist jeder ein Egoist und folgt seinen
egoistischen Motiven, und ein gemeinschaftliches Wesen ist der Mensch
da eigentlich nur als Staatsbürger. Dieser Zustand ist ein Zustand
der Entfremdung, und ein nicht entfremdeter, ein menschlicher Zustand
müßte darin bestehen, daß der Mensch in seinem alltäglichen Leben
ein Gemeinschaftswesen wird. Die Freisetzung des wirklichen
Gattungswesens des Menschen, wobei Gattung im Sinne von Gemeinschaftsfähigkeit,
natürlicher Sozialität verstanden wird, das ist für Marx die
Bedingung der Aufhebung von Entfremdung. Marx kritisiert, daß bei
Hegel Widersprüche nur in Gedanken aufgelöst werden, während sie in
der Realität stehenbleiben. Und er übernimmt Feuerbachs Kritik der
religiösen Entfremdung. Marx denkt dies weiter: Religion ist nichts
an sich Existierendes, sondern bloßer Ausdruck irdischer Entfremdung.
Diese gilt es zu kritisieren. Und diese irdische Entfremdung besteht
in der Realität der entfremdeten Arbeit: Das Elend der Menschheit
gipfelt auf in der Situation der Arbeiterklasse.
Hegel
hatte gelehrt, daß sich die Vernunft in der Geschichte realisiert, daß
die Geschichte die Arbeit des Weltgeistes ist, durch die er zur
Selbsterkenntnis kommt. Marx stellt Hegel "auf die Füße"
und lehrt, daß "Vernunft" sich als bloße Idee "immer
blamiert", wenn sie sich nicht auf materielle Interessen abstützen
kann.
Als Redakteur der Rheinischen Zeitung (ab 1842) hat Marx an
verschiedenen aktuellen Anlässen studieren können, wie die
politische Kräftekonstellation nicht durch unterschiedliche
Standpunkte im Ringen um das Vernünftige, sondern von ökonomischen
Interessenlagen bestimmt wird.
Geschichtlicher
Fortschritt kann daher nur durch ein Klassensubjekt realisiert werden,
das durch seine materielle Lage in den Kampf gegen das Bestehende
getrieben wird. Und das Proletariat, so Marx, ist nicht nur eine
leidende Klasse, sondern, wie etwa der Lyoner Weberaufstand von 1844
demonstriert, eine kämpferische Potenz. Das Proletariat hat alles
Interesse an Veränderung und keines an Bewahrung. Es ist eine Klasse
"mit radikalen Ketten".
Hegels
Idealismus wird fallengelassen, aber der dialektische Grundgedanke
bleibt, daß es eine Art geschichtliches Gesetz des Fortschritts gibt,
der durch die Entwicklungsdynamik der Widersprüche vorangetrieben
wird. Der Kampf der Gegensätze, das sind jetzt die ökonomisch
bedingten Klassenkämpfe.
Marx
formuliert den Gedanken von der "historischen Mission der
Arbeiterklasse" erstmals 1844 in Paris, wohin er sich, überdrüssig
des Kampfs mit der Zensur, den er als Redakteur der Rheinischen
Zeitung hat führen müssen, mit seiner jungen Frau geflüchtet hat.
In Paris entsteht die Lebensfreundschaft mit Engels. Der hat 1842-1844
in Manchester, im Zentrum des modernen Kapitalismus, seine Ausbildung
beendet. Dabei hat er die elende und unwürdige Situation der Arbeiter
hautnah kennengelernt und ein Buch ("Die Lage der arbeitenden
Klassen in England") darüber geschrieben, das 1845 veröffentlich
werden und Aufsehen erregen wird.
Was
Engels aus der empirischen Anschauung schildert, entwikkelt Marx mehr
philosophisch als die Problematik der entfremdeten Arbeit. In den
"Ökonomisch-philosophischen Manuskripten" von 1844 lesen
wir dazu:
"Der
Arbeiter wird um so ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr
seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. Der Arbeiter wird eine
um so wohlfeilere Ware, je mehr Waren er schafft. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu... Der
Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes
Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber...
Die Verwirklichung der Arbeit erscheint ... als Entwirklichung
des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust
und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung...
Je mehr der Arbeiter sich ausarbeitet, umso mächtiger wird die fremde
gegenständliche Welt, die er sich gegenüber schafft, um so ärmer
wird er selbst, seine innere Welt, um so weniger gehört ihm zu
eigen..."
Worin besteht nun die Entäußerung der Arbeit? Erstens darin,
daß die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht,
sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie
physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis
abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher
erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich.
Im
wesentlichen sind es vier Formen der Entfremdung, die konstatiert
werden: die Entfremdung vom eigenen Produkt, die Entfremdung von der
eigenen Tätigkeit, die Entfremdung vom eigenen Gattungswesen, das heißt
gegenüber der eigenen Natur und Sinnlichkeit, und schließlich die
Entfremdung der Menschen untereinander. Aus diesem Begriff der
entfremdeten Arbeit wird dann im weiteren der Begriff des
Privateigentums entwickelt: die entfremdete Arbeit produziert nicht
nur den entfremdeten Gegenstand, sondern auch die Herrschaft des
Nichtproduzenten über das Produkt. Dieser Nichtproduzent ist
ebenfalls entfremdet, aber er fühlt sich in der Entfremdung wohl und
weiß sie als seine eigene Macht, er ist der "Ausbeuter" in
der späteren marxistischen Terminologie. Der Arbeiter dagegen ist
derjenige, in dessen Lage sich das gesamte menschliche Elend so
zuspitzt, daß aus dieser Zuspitzung dann als reinigendes Unwetter der
Geschichte die Revolution des Proletariats erwächst. Sie ist der
Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das der Freiheit, weil sie
mit der Aufhebung des Privateigentums Freiheit im Sinne humaner
gesellschaftlicher Bedingungen, im Sinne der Aufhebung der Entfremdung
erst möglich macht.
Wie
Marx die Paradoxien der Entfremdung im einzelnen kritisiert, kann hier
nur angedeutet werden: Da wird gezeigt, wie an die Stelle der
Selbstbestätigung in der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und
der der Mitmenschen die Tendenz tritt, an das Produkt des anderen zu
gelangen, wie der "Sinn des Habens" Menschlichkeit
verhindert. Nicht die Qualität der Produkte und der Sinngehalt der
Arbeit ist unter solchen Bedingungen relevant, sondern allein der
Tauschwert, die Äquivalenzfunktion dessen, was ich produziere. Es
entsteht ein eigennütziges, raffiniertes Verhältnis zum anderen
Menschen. Im Geld verkörpert sich das entäußerte und entfremdete
Gattungswesen des Menschen in extremster Abstraktion. Die Gattungskräfte
sind gleichsam ganz qualitätslos geworden. Das Geld tauscht sich mit
allen menschlichen Eigenschaften und Qualitäten aus, es spielt die
Rolle eines Kupplers, es ist der Ausdruck der vollständigen
Herrschaft der entfremdeten Sache über den Menschen..
Materialistische Geschichtsauffassung: Vom utopischen zum
"wissenschaftlichen" Sozialismus
Drei
Quellen und drei Bestandteile hat der Marxismus, folgt man dem
gleichnamigen Aufsatz W. I. Lenins: Klassische deutsche Philosophie
als Quelle des Bestandteils "Dialektisch-materialistische
Philosophie", klassische englische Nationalökonomie als Quelle
des Bestandteils "Politische Ökonomie" und französischen
Sozialismus als Quelle der Lehre von der Strategie und Taktik der
Arbeiterbewegung. In Frankreich lernt Marx die Werke der großen
sozialistischen Denker dieser Richtung kennen: Fourier, Owen, Proudhon,
Saint-Simon. Er lernt einen Sozialismus kennen, der die Brüderlichkeitsforderung
der Revolution gegenüber einer Realität, in der das
Bereicherungsprinzip gilt, einzuklagen versucht.
Aber
dieser Sozialismus, so scheint es, ist letztlich doch noch
vorwissenschaftlich und "utopisch", das heißt er geht von
abstrakten Idealen oder subjektiven Wunschträumen aus. Wie kann der
wissenschaftliche Sozialismus gefunden werden? Man müßte im
geschichtlichen und gesellschaftlichen Leben objektive Gesetze
aufweisen können, ähnlich wie die Naturwissenschaft das für die
Natur vermag. Dann würde man sich endlich auch hier auf
wissenschaftlichem Boden bewegen. Der utopische Sozialismus ist der
Ausdruck dafür, daß der Klassenkampf noch weitgehend latent ist. Der
wissenschaftliche Sozialismus hält der Welt nicht ein Ideal entgegen,
sondern bildet eine sozialwissenschaftliche Theorie aus, die sich als
Organ der Klassenkampfpraxis des historischen Subjekts
"Arbeiterklasse" versteht, der sie das Wissen um die
allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des historischen Prozesses zur Verfügung
stellt.
Und
so versucht man jetzt, das Geschichtsgesetz aufzufinden, das bewirkt,
daß das Proletariat sich selbst und mit ihm die Menschheit befreien muß.
Nicht zuletzt durch Engels, der für die von Marx und Ruge gemeinsam
herausgegebenen "Deutsch-Französischen Jahrbücher" eine
"Kritik der Nationalökonomie" verfaßt hat, ist Marx auf
die Bedeutung der Ökonomie gestoßen. Müssen die Menschen nicht
zuerst essen, sich kleiden und so weiter, ehe sie Kultur haben können?
Ist nicht deshalb in der Ökonomie einer Epoche der Schlüssel zu
allem anderen verborgen? Da ist sie, die neue Losung: das ökonomische
Sein, der materielle Lebensprozeß der Gesellschaft, bestimmt -
wenigstens in letzter Instanz - das Bewußtsein. Und die ökonomischen
Bewegungsgesetze der bestehenden Gesellschaft bedingen immer
gewaltigere Klassenkämpfe zwischen Bürgertum und Proletariat und
treiben zum revolutionären Befreiungsakt hin.
Mit
dieser Einsicht schien, wie der alte Engels sich rückblickend ausdrückt,
der Idealismus aus seiner letzten Zufluchtsstätte, der
Geschichtsauffassung vertrieben. Der frühere Materialismus, der
Materialismus Feuerbachs mit eingeschlossen, sei dazu unfähig
gewesen.
Hinter
den Plänen, Ideen, Leidenschaften, Absichten und so weiter, die
vordergründig das Handeln der Menschen bestimmen, verbergen sich
letztlich ökonomische Motive. Alles Ideelle erweist sich als das im
Menschenkopf umgesetze und übersetzte Materielle. Und durch die
Aufdeckung des 'Anteils der Arbeit an der Menschwerdung des Affen'
wird der Schlußstein ins Gebäude der materialistischen
Weltanschauung eingesetzt.
Diese
materialistische Geschichtsauffassung wird zum ersten Mal politisches
Programm im "Kommunistischen Manifest von 1848" mit seiner
Losung: "Proletarier aller Länder vereinigt Euch". Die
Umrisse der historisch-materialistisch begründeten Strategie und
Taktik der Arbeiterbewegung werden deutlich: Die Arbeiter, angeleitet
von einer kommunistischen Avantgarde, verbündet mit anderen werktätigen
Schichten, müssen die politische Macht erkämpfen ("Diktatur des
Proletariats" als Übergangslösung), die Produktionsmittel
vergesellschaften und zu einer Planwirtschaft zum Wohl aller übergehen.
Vorerst
steht allerdings in Deutschland die bürgerliche Revolution auf der
Tagesordnung, in der die Arbeiter die Bürger im Kampf gegen die Fürsten
zunächst unterstützen sollen.
Marx
kehrt zeitweilig nach Deutschland zurück und wirkt in diesem Sinne
als Chefredakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung. Organ der
Demokratie". Doch das Scheitern der revolutionären Einigung
Deutschlands zwingt ihn 1849 ins letzte, ins Londoner Exil.
Jeden
Tag sei er gekommen, aber dann sei er ausgeblieben, und man habe nie
mehr etwas von ihm gehört. Das berichtete kurz nach Marxens Tod ein
Angestellter der Bibliothek des Britischen Museums einem Fragesteller.
In der britischen Bibliothek studiert der gründliche Marx nahezu die
gesamte damals greifbare nationalökonomische Literatur. Die Exzerpte
häufen sich. In ein paar Wochen hofft er, mit der "ganzen ökonomischen
Plackerei" fertig zu sein, heißt es 1851.
Und dann dauert es bis 1867, bis endlich der erste Band des großen
Werks "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie"
erscheint.
Die
Grundidee darin ist die alte: der Kapitalismus ist mit Notwendigkeit
zum Untergang verurteilt. Nur daß jetzt ökonomisch exakt
"bewiesen" wird, daß sämtlicher Mehrwert Resultat
kapitalistischer Ausbeutung ist und daß die Gesetze von
Kapitalakkumulation und tendenziellem Fall der Profitrate die
Revolution des Proletariats herbeizwingen müssen. Dabei ist die
dialektische Begriffskunst, etwa in der sogenannten Wertformanalyse,
zu höchster Vollendung gebracht.
Marxens
Lebenssituation ist bedrückend. Von Karbunkeln geplagt, ewig in Geldnöten,
die die häusliche Harmonie nicht steigern, ist er auf die Zuwendungen
von Freund Engels angewiesen. Der ist großzügig und zahlt, was er
kann, wenn er auch auf den "hündischen Kommerz" schimpft,
dem er deshalb in Manchester im Kontor der Firma "Ermen &
Engels" frönen muß. Band 2 und 3 des "Kapital" muß
Engels aus einem Wust von Notizen nach Marxens Tod 1883 druckreif
machen.
Die
ökonomischen Studien haben nicht verhindert, daß Marx und Engels
sich auch praktisch um den Aufschwung der Arbeiterbewegung gekümmert
haben. Sie haben 1864 an der Gründung der I. Internationale
mitgewirkt, haben innerhalb der Internationale die Auseinandersetzung
insbesondere mit den anarchistischen "Antiautoritariern" geführt,
haben der entstehenden Sozialdemokratie in Deutschland mit ihrem Rat
und ihrer - nicht immer wohlgelittenen - Kritik beigestanden.
Historische Schicksale und Hauptströmungen
des Marxismus:
Die Spaltungen der Arbeiterbewegung
Als
Engels stirbt - 1895 - hat sich der Marxismus in der Arbeiterbewegung
auf dem Kontinent im wesentlichen durchgesetzt. 1889 war in Paris die
II. Internationale gegründet worden; sie hatte den 1. Mai als
Kampftag der Arbeiterschaft proklamiert und den Acht-Stunden-Tag
gefordert. Die deutsche Sozialdemokratie hatte sich zu einer
Massenpartei entwickelt, der auch die Sozialistengesetze des
Bismarck-Reichs nichts ernstlich anhaben konnten.
Aber
dafür entwickelte sich nun gleichzeitig innerhalb der
Arbeiterbewegung der Streit um Interpretation und Geltung des
Marxismus. Die Auseinandersetzung setzte sich dann im
fachwissenschaftlichen Raum fort - Joseph Schumpeter, Max Weber, Eugen
Böhm-Bawerk, Werner Sombart und andere setzten sich kritisch mit dem
Marxismus auseinander. Innerparteilich erhob sich bald eine Art
Realo-Fundi-Kontroverse. Ein gescheiter Mann, Rudolf Stammler, hatte
folgenden Einwand gegen den Marxismus erhoben: Für euch Marxisten ist
die Geschichte eine Art gesetzmäßiger, naturgeschichtlicher Prozeß.
Wieso gründet ihr dann politische Parteien und ruft die Arbeiter zum
Handeln gegen die Ausbeutung auf? Man gründet doch auch keine
politische Partei, um eine Mondfinsternis herbeizuführen. Die
Marxisten waren zwar um eine Antwort nicht verlegen und sprachen von
der Spezifik gesellschaftlicher Gesetze gegenüber Naturgesetzen, von
der Rolle des subjektiven Faktors, der nicht die Grundrichtung des
historischen Prozesses, wohl aber sein Tempo und seinen Verlauf im
einzelnen modifizieren könne.
Gerade
wenn man dies aber so annahm, dann konnte man, wie im Beitrag über
die Sowjetunion bereits einmal erwähnt, den Marxismus eher
fatalistisch und eher voluntaristisch auslegen. Kommt die Revolution
von alleine, ist die "Geschichte die größte Marxistin"
(Rudolf Hilferding), dann kann man den Schwerpunkt auf die praktische
Reformarbeit legen. Sieht man die Rolle des besagten "subjektiven
Faktors" als wesentlicher an, dann muß man als die erste Pflicht
eines Revolutionärs proklamieren, die Revolution zu machen (Fidel
Castro, Che Guevara).
Daran
zerstreiten sich später, etwa ab 1905, die Linke und die Orthodoxie
mit ihrem Oberhaupt Karl Kautsky (1854-1938), die sich zunächst noch
gegen eine dritte Richtung einig sind: die von Eduard Bernstein
(1850-1932) angeführten "Revisionisten". Diese erklären:
Das System, das Marx beschrieben hat, existiert in dieser Form gar
nicht mehr. Sozialgesetze und parlamentarischer Einfluß der
Sozialdemokratie ermöglichen es uns, mit dem Stimmzettel in den
Sozialismus hineinzuwachsen. Weg mit überholten Theoremen, besonders
mit dem "Fallstrick der Hegelschen Dialektik",
weg mit der Revolutionstheorie, "das Ziel ist nichts, die
Bewegung ist alles". Der Marxismus ist keine umfassende und
geschlossene Weltanschauung mit philosophischer Fundamentierung mehr,
man kann einzelne seiner Thesen mit denen anderer Weltbilder in
beliebiger Weise "kreuzen".
Und
dann gab es diejenigen, die sich sagten: Der Sozialismus ist ein Wert.
Es hilft gar nichts, sich auf historische Gesetze zu berufen, wenn man
jemanden vom Wert des Sozialismus überzeugen will, damit er sich für
ihn praktisch einsetzt. Also müssen wir den Sozialismus ethisch begründen.
Ein solcher ethischer Sozialismus wurde im Rahmen der Marburger Schule
des Neukantianismus von Hermann Cohen propagiert. Eine Reaktion darauf
ist der Versuch des führenden "Austromarxisten" Max Adler
(1873-1934), den Marxismus mit der Kantschen Ethik zu koppeln.
Aber
natürlich war ein ethischer Sozialismus - wie schon bei Cohen - auch
ganz ohne Marx denkbar. Die Verbindung von politischem Reformismus und
ethischem Sozialismus ist es, aus der das Godesberger Programm der SPD
von 1959 entsprang. Das ethische Engagement für den Sozialismus soll
entscheiden; ob es sich aus dem Geist der Bergpredigt oder einem
andern geistigen Quell speist, ist dabei unerheblich. Und insofern
ethische Werte allgemeinmenschlich sind, kann die Partei des
Sozialismus auch keine Klassenpartei mehr sein, sondern muß
"Volkspartei" werden.
Aus
dem linken Flügel der Arbeiterbewegung - neben undogmatischen Randströmungen,
auf die noch einzugehen sein wird - entwickelt sich die heutige
kommunistische Weltbewegung. Ihre Tradition führt sie nach wie vor
neben Marx und Engels auf W. I. Lenin (1870 - 1924) zurück, den Führer
der ersten siegreichen sozialistischen Revolution.
Der
Bruch zwischen den Linken und denjenigen, denen sie "Verrat am
Sozialismus" vorwarfen, war spätestens seit 1914 nicht mehr zu
kitten. Damals hatten die sozialdemokratischen Parteien unter dem
Eindruck des nationalistischen Kriegstaumels, entgegen allen früheren
Beschwörungen internationaler antimilitaristischer proletarischer
Solidarität, den jeweiligen Regierungen die Kriegskredite bewilligt.
In Deutschland war nur Karl Liebknecht standhaft geblieben. Aus seiner
"Gruppe Internationale", der auch Rosa Luxemburg angehörte,
bildete sich später der Spartakusbund und die Kommunistische Partei
Deutschlands. "Sozialreform oder Revolution" (Rosa
Luxemburg) hieß die Frage, die diese Linke stellte und zugunsten der
Unterordnung des Kampfs um Reformen unter das Ziel der sozialistischen
Revolution beantwortete.
Die
Entwicklung der russischen Revolution - die mit so viel Hoffnungen
verbunden war - verstärkte noch die Auseinandersetzungen in der
Arbeiterbewegung. Die einen sprachen von der Diktatur der Partei über
das Proletariat, ja von Staatssklaverei (Karl Kautsky), die anderen
hielten dagegen, die Kritiker seien Renegaten, die das System der
Lohnsklaverei längst akzeptiert hätten und allenfalls noch um den
Preis der Ware Arbeitskraft feilschten.
Die
erste Phase des sowjetischen Marxismus kannte noch lebendige
theoretische Kontroversen, die dann durch die stalinistische
Kodifizierung des Marxismus beendet wurden. Die nachstalinistische
Periode brachte eine gewisse Lockerung auch in der Hinsicht, daß
Diskurse wieder möglich wurden. So wurden vorher als bürgerlich
tabuisierte Wissenschaftsrichtungen wie die Kybernetik positiv
aufgegriffen. In dieser Periode kam es aber auch zu neuen Spaltungen.
Hatte zuvor schon der entmachtete und später ermordete Trotzkij sich
gegenüber Stalin als Sachwalter des Leninschen Erbes hinzustellen
versucht und die Sowjetunion als bürokratisch degenerierten
Arbeiterstaat bezeichnet, so sind es jetzt die chinesischen
Kommunisten mit Mao-Tse-Tung, die sich mit ihrem "sinisierten"
bäuerlichen Marxismus als die wahren Revolutionäre verstehen und die
sowjetischen Kommunisten und ihren Anhang als feige Revisionisten
bezeichnen, die aus Angst vor einem Atomkrieg Abstriche am
weltrevolutionären Konzept machten.
Immer
wieder hat es auch reformkommunistische Strömungen gegeben, die, in
Ungarn, Polen, im Prager Frühling, einen menschlicheren Sozialismus
forderten, wobei sie sich häufig auf den jungen Marx beriefen. Alle
diese Versuche wurden von innen oder von außen aus Furcht vor möglicher
Destabilisierung unterdrückt. Die Gegner belegten die Reformer, mit
mehr oder weniger Recht, wie zuvor schon die eigensinnigen
jugoslawischen Kommunisten als "Revisionisten" mit dem
Bannfluch.
Im
gegenwärtigen Umgestaltungsprozeß in der Sowjetunion, so spezifisch
er ist und so wenig er offiziell an jene reformkommunistischen
Bestrebungen anknüpft, leben manche Intentionen jener Reformer wieder
auf. Mit Einschränkungen kann man ähnliches auch für die
nachmaoistische Entwicklung in China und für einige andere Länder
sagen. Von einem neuen Revisionismus zu sprechen, wäre gewiß
verfehlt. Doch darf man davon ausgehen, daß ein weniger dogmatischer
Umgang mit dem Marxismus Platz greifen wird, der vielleicht auch
fruchtbare Dialoge mit Andersdenkenden ermöglichen wird.
Undogmatische Randströmungen - "Frankfurter Schule" und
"Neue Linke"
In
den 20er Jahren bildet sich eine undogmatische Linke, die sich
teilweise noch auf Lenin beruft (Georg Lukács, 1895-1971),
ihn teilweise aber auch offen kritisiert (Karl Korsch, 1886-1961).
Diese Linke legt sich nicht nur häufig mit dem offiziellen Kurs der
Kommunistischen Internationale an, vor allem wendet sie sich heftig
gegen die Orthodoxie und den Reformismus und Revisionismus der II.
Internationale. Bis heute eignet ihr die Aura eines lebendigen
Marxismus in der Zeit des Dogmatismus und der Erstarrung im
Stalinismus.
Letztlich
geht es um das alte Thema, wie das Verhältnis von Sein und Sollen im
historischen Prozeß gedacht werden müsse. Die undogmatische Linke
lehnt sowohl eine "objektivistische" Betrachtung als auch
eine ethische ab. Sie akzentuiert den Gedanken, daß der Marxismus
durch die Auffassung der sozialistischen Theorie als Organ der
praktischen Bewegung einen neuen Theorietypus verkörpere.
Im
Emanzipationskampf der Arbeiterklasse als des wahren
"Subjekt-Objekts" (Georg Lukács), in dem der geschichtliche
Prozeß zum Bewußtsein seiner selbst komme, fielen Sein und Sollen,
subjektive Zielsetzung und objektiver Prozeß in einer höheren
Einheit zusammen.
Ein
gemeinsames Motiv bei aller Verschiedenartigkeit ist die Besinnung auf
den Charakter des Marxismus als "praktische Inspiration des Bewußtseins"
(Karl Korsch), der gegenüber die Orthodoxen in ein traditionelles
Theorieverständnis zurückfielen. Unter dem Gesichtspunkt der Einheit
von Theorie und Praxis wird das Denken in die letztere inbegriffen
gedacht, der Unterschied von Denken und Handeln eingeebnet und die
Wahrheitsfrage damit in einem historischen Relativismus aufgelöst.
Als
Pointe wird vielfach die Behauptung aufgestellt, daß die Degeneration
der Theorie im Sinne eines technizistisch-verdinglichten Verhältnisses
zur Natur bereits bei Engels veranlagt sei und daß im Grunde ein
erheblicher Widerspruch zwischen dem "anthropozentrischen"
Denken von Marx und dem an weltanschaulicher Systematisierung
interessierten Denken von Friedrich Engels bestehe.
Letzterer
mußte so als Vulgarisator der Marxschen Lehre erscheinen.
Diese
These erweist sich zwar als kaum haltbar,
dennoch sind die Motive der Kritik an "Naturdialektik" und
"Widerspiegelungstheorie" wichtig: Marxismus als radikale
"Philosophie der Tat" gerät für die Kritiker in
Widerspruch mit jener Macht des Objekts über das Subjekt, die im
Begriff des Primats der Materie gegenüber dem Bewußtsein letztlich
mitgedacht sein muß. In der Gesellschaft erscheint die Determination
des Subjekts durch das Objekt als der Ausdruck der verkehrten und vom
Proletariat aufzuhebenden Verhältnisse, wodurch sich der Status der
Basis-Überbau-Lehre modifiziert. Für Lukács ist das Bewußtsein
immer Moment einer die materielle Basis einschließenden
gesellschaftlichen Totalität; "Mangel an Vermittlung" sei
es jedoch, das Bewußtsein unmittelbar von der Ökonomie determiniert
sein zu lassen.
Von
der Gestalt Ernst Blochs als Repräsentant eines als undogmatisch
erscheinenden Marxismus war hier schon einmal die Rede. Bloch war ein
origineller und nirgendwo einzuordnender Denker. Andere machten
dagegen Schule. Für die Studentenbewegung der 60er Jahre war die
Beschäftigung mit den Theoretikern der sogenannten Frankfurter Schule
von Max Horkheimer (1895-1973), Theodor Wiesengrund Adorno (1903-1970)
und anderen, die wesentliche Form der ersten Annäherung an
marxistische Theorie.
Der Positivismus-Streit in der deutschen Soziologie zwischen Adorno
und dem "kritischen Rationalisten" Popper schlug in den 60er
Jahren Wellen. Bis heute sind Jürgen Habermas (geb. 1919) und andere
aus der Tradition der Frankfurter Schule kommende Denker maßgeblich
an der sozialwissenschaftlichen Diskussion beteiligt, sind Persönlichkeiten
wie Erich Fromm mit Arbeiten wie "Haben und Sein" und
"Die Kunst des Liebens" für die Gedankenbildung der
Alternativbewegung wichtig.
In
mancher Hinsicht an Lukács und Korsch anknüpfend, gehen diese
Theoretiker jedoch auf Distanz nicht nur zur Sozialdemokratie, sondern
auch zum Kommunismus. Man hält an Lukács' These fest, daß das
Wissen über die Gesellschaft eine Form des Selbstbewußtseins der
Gesellschaft sei, zweifelt jedoch an der revolutionären Rolle des
Proletariats, das immer mehr von der "universellen
Verdinglichung" mit erfaßt werde. Die Frage, was man dem
Bestehenden, in Ermangelung des traditionellen Subjekts der
Umgestaltung, entgegenzusetzen hat, außer der "kritischen
Theorie der Gesellschaft", bleibt dabei ungeklärt - einige, zum
Beispiel Adorno, verhalten sich direkt pessimistisch in bezug auf eine
mögliche Veränderung.
Die
Marx-Rezeption der Frankfurter Schule ist selektiv.
Man schöpft auch noch aus anderen Quellen, wie der Freudschen
Psychoanalyse. Die "negative Dialektik" (Adorno) sprengt die
traditionelle marxistische Dialektik-Diskussion; an die Stelle
traditioneller marxistischer Klassenanalyse tritt allgemeine Kritik
der Kultur und der kranken Zivilisation (der "verwalteten
Welt") unter dem Gesichtspunkt der Analyse der "Dialektik
der Aufklärung". Diese Dialektik besteht darin, daß die Aufklärung
als "auf die Emanzipation der Verhältnisse aus den Fesseln des
Mythos und die Erringung der Herrschaft über die Natur gerichtete
Bewegung sich kraft ihrer inneren Logik in das eigene Gegenteil
verkehrte, positivistische, pragmatische, utilitaristische Ideologien
hervorbrachte und durch die Reduktion der Welt auf die quantitativen
Merkmale eine allgemeine Zerstörung des Sinns, eine Barbarisierung
der Wissenschaft und Vernunft und schließlich die wachsende
Knechtschaft der Menschen unter den Bedingungen der Herrschaft des
Warenfetischismus bewirkte."
Unter
diesem Gesichtspunkt wird die "Kulturindustrie" mit ihren
Massenmedien kritisiert. Man interessiert sich für die psychologische
Struktur der "autoritären", für den Faschismus anfälligen
Persönlichkeit. Und man kritisiert den "instrumentellen
Vernunftbegriff"
des Positivismus.
Zwei
Gestalten aus dem Umfeld des "undogmatischen" Marxismus
sollen hier näher betrachtet werden.
Die
erste ist Jürgen Habermas,
die zweite Herbert Marcuse.
Habermas
arbeitet das Thema der Dialektik der Aufklärung weiter aus: Für das
aufklärerische Denken des revolutionären Bürgertums sind Erkenntnis
und Interesse ungeschieden, ist die Vernunft Instrument der
Emanzipation, daher ist ein Wertfreiheitspostulat für dieses Denken
sinnlos. Habermas verweist auf Fichte, für den Vernunft und Wille,
Verstehen und Gestalten eins gewesen seien. Marx habe den Zusammenhang
von Vernunft und Interesse beibehalten. Allerdings fließe das
Emanzipatorische bei ihm nicht wie bei Fichte aus einem moralischem
Bewußtsein, sondern ergebe sich aus dem Zur-Deckung-Kommen von
befreiender Arbeit der Vernunft und dem Prozeß der gesellschaftlichen
Befreiung.
Der
Fortschritt von Wissenschaft, Technik und bürokratischer Organisation
zerreiße nun diesen Zusammenhang von Vernunft und Interesse. Vernunft
werde rein technisch-instrumentell, entsage jeder sinnschöpferischen
Funktion und diene bloß noch materieller oder sozialer Technik. Sie
begnüge sich damit, "wertfrei" die Mittel zur Erreichung
dezisionistisch-außervernünftig zustande gekommener Ziele zu
untersuchen, alle grundlegenden Alternativen unter dem Gesichtspunkt
einer Sachzwangideologie zu negieren. Schöpferische selbstbestimmte
Praxis sei auf diese Weise verunmöglicht, das erkenntnisleitende
Interesse ein von vornherein borniertes, nicht auf die Erweiterung
menschlicher Verständigungs- und Gestaltungsmöglichkeiten
orientiertes.
Habermas
sucht den Punkt, in dem Vernunft und Interesse beziehungsweise Wille
zusammenfallen und findet ihn in der Reflexion der Reflexion
(Selbstreflexion). Hier liegt für Habermas der Quellort
emanzipatorischer Vernunft, im Gegensatz zur instrumentellen, hier
decken sich Vernunft und Wille, Zielbestimmung und Mittelanalyse.
Marx
wolle die Subjektwerdung des Menschen, aber im Marxismus sei die
Aufgabe der Steuerung der Gesellschaft immer wieder als technische
Anpassung mißverstanden worden, was zur erneuten Behandlung des
Menschen als manipulierbares Objekt geführt habe. Sowohl der
"Plankapitalismus" als auch der bürokratische Sozialismus
verstärke die Verdinglichung, statt sie aufzuheben.
Habermas
bemängelt, daß für Marx Vernunftinteresse und Interesse der
Emanzipation nicht mit einem praktischen intellektuellen Vermögen
zusammenfallen.
Die
Geste totaler Negation ohne klare praktische Alternative, wie wir sie
zum Beispiel bei Adorno finden, ließ in der Studentenbewegung der
60er Jahre den Stern der Frankfurter Schule schließlich verblassen.
Denn man suchte damals Konzepte praktischer Veränderung. Für einige
Zeit wurde der den Frankfurtern nahestehende, aber deutlich revolutionärere
Akzente setzende Herbert Marcuse (1898 - 1979)
zur Leitfigur einer "Neuen Linken". Zwar glaubte auch
Marcuse, daß die Arbeiterklasse ins kapitalistische System integriert
und keine revolutionäre Potenz mehr sei. Dafür sah er in den
"Randgruppen" des Kapitalismus im Verein mit den Unterdrückten
der dritten Welt das mögliche Subjekt der Veränderung. Seine Parolen
von der "großen Weigerung" und notwendiger
"Gegengewalt", vom Kampf gegen "Konsumterror" und
"repressive Toleranz" fielen auf ebenso fruchtbaren Boden
wie seine Kritik an gesellschaftlich bedingter sexueller Unterdrückung:
Die Hippie-Parole "Make love, not war" spricht von der
Stimmung jener Tage.
Dabei
war Marcuse ein Platoniker, der nach einem ontologischen Begriff von
Wahrheit strebte: Wahrheit war für ihn eine Wesenswirklichkeit höherer
Art, die zugleich normativen Charakter hat. Die Spannung zwischen ihr
und der bestehenden Erscheinungswelt galt ihm als die Triebkraft der
Befreiung. Aus diesem Blickwinkel kritisierte er ein positivistisch
steriles Denken, das sich dieser Wesenswelt, in der Logos und Eros
eins sind, verschließt und dem deshalb das jeweils Bestehende auch
schon als das Wahre gilt. Auch wenn Marcuse selber dies anders sah, so
war dies sicherlich kein Marxismus mehr.
Innerhalb
der Studentenbewegung setzte nach kurzer Zeit ein deutlicher Trend zu
traditionsmarxistischen Strömungen ein, schienen doch
Streikbewegungen der Arbeiterschaft darauf hinzudeuten, daß in dieser
Klasse doch noch die Potenzen steckten, die Marx, Engels und Lenin ihr
zugetraut hatten. So widmete man sich denn entweder der
"Rekonstruktion der Arbeiterbewegung" oder schloß sich den
bestehenden Arbeiterorganisationen an, der winzigen kommunistischen
oder der riesigen, aber zuerst auf neuen Kurs zu bringenden
sozialdemokratischen und anderen.
Motive der Anthroposophie
Der
Begründer der Anthroposophie kommt mit der Arbeiterbewegung besonders
in seiner Berliner Zeit - ab 1897 - in Berührung. 1899 wird er - der
Redakteur eines Literaturmagazins, der im Marxismus zwar
"Teilwahrheiten" findet, aber durchaus kein Marxist ist -
als Lehrer an die von Wilhelm Liebknecht gegründete
Arbeiterbildungsschule der SPD geholt, wo er unter anderem auch Rosa
Luxemburg kennenlernt.
Daß
Rudolf Steiner, geboren 1861 im österreichisch-ungarischen, heute
jugoslawischen Kraljevec, den Weg vieler Zeitgenossen in den Atheismus
und Materialismus nicht mitgehen konnte, hat besondere Gründe. Schon
als Junge hat er Erlebnisse übersinnlicher Art, Erlebnisse, wie sie
heute wieder bei mehr Menschen auftreten. Seiner verständnislosen
Umwelt gegenüber - der Vater, ein kleiner Bahnbeamter, fühlt sich
als Freigeist - kann er darüber nicht sprechen. Aber er hat die
innere Gewißheit, daß die materielle Außenwelt nicht die einzige
Wirklichkeit sein kann. Sein Grundproblem ist von vornherein dies: wie
man im übersinnlichen Erleben Illusion und Wirklichkeit
auseinanderhalten kann oder anders gewendet: wie man sich einer übersinnlichen
Wirklichkeit so nähern kann, daß der dem wissenschaftlichen Bewußtsein
eigene Apparat von Logik und Selbstbesonnenheit dabei mitgenommen
wird.
Es
soll keinen Rückfall in menschheitsgeschichtlich überholte Formen außersinnlicher
Wahrnehmung geben. Denn diese haben gerade deshalb dem wachen Bewußtsein
des neuzeitlichen Menschen weichen müssen, weil nur so Freiheitsfähigkeit
möglich werden konnte. Und die freie Persönlichkeit, das wird
Steiners großes Thema. "An Gottes Stelle den freien
Menschen", so formuliert einmal der junge Steiner, der notabene
kein Atheist ist.
1894,
drei Jahre nachdem er in Rostock über "Die Grundfrage der
Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichtes
Wissenschaftslehre" promoviert hat, erscheint im Verlag Emil
Felber in Berlin seine "Philosophie der Freiheit. Grundzüge
einer modernen Weltanschauung". Die Fähigkeit, nach intuitiv
erfaßten individuellen ethischen Impulsen handeln zu können,
"wollen zu können, was man für richtig hält", wie Steiner
sagt, wird dort als das Wesen der menschlichen Freiheit dargestellt.
Blickt
man genau hin, so findet man bei dem jungen Steiner viele Motive, die
auch Motive der philosophischen Debatte nach Hegels Tod sind. Ja,
solche Motive erscheinen wie zu einer Synthese vereinigt: Cieskowskis
Philosophie der Tat, Stirners Individualismus, ja selbst Motive der
Feuerbachschen Religionskritik leben da.
Steiner
hatte sich an der Wiener Technischen Hochschule - neben der
geisteswissenschaftlichen - eine profunde naturwissenschaftliche
Bildung angeeignet. 1882 war er auf Empfehlung seines Lehrers Karl
Julius Schröer als Herausgeber von Goethes Naturwissenschaftlichen
Schriften in Kürschners "Deutscher National-Litteratur"
berufen worden. An Goethe fasziniert ihn, daß dieser eine qualitative
Naturbetrachtung pflegt und eine "Art der Empirie" fordert,
"die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht".
Den Galilei der Organik nennt er Goethe wegen dessen Blick für das
Lebendige, Werdende.
Ab
1900 beginnt Steiner offen und öffentlich über höhere Welten und übersinnliche
Erfahrungen und einen neuen Zugang zum lebendigen Christus zu
sprechen, zunächst in der Theosophischen, später in der von ihm begründeten
Anthroposophischen Gesellschaft. Der Durchschnitt der
"Gebildeten" seiner Zeit konnte mit diesem Mann, der
zugleich die Haeckelsche Naturwissenschaft gegen die klerikale Kritik
verteidigte und eine "Geheimwissenschaft im Umriß" verfaßte,
nichts anfangen. Die akademische Wissenschaft schwieg ihn tot.
"Seelische
Beobachungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode" nennt
Steiner im Untertitel seine "Philosophie der Freiheit".
Beobachtung und Erfahrung statt Spekulation, diese Forderung stand an
der Wiege der modernen Naturwissenschaft. Nur das Denken, durch das
man die Beobachtungsergebnisse interpretierte, wurde von der
Beobachtung ausgenommen. Steiner tut nun nichts anderes als das
Erfahrungskriterium auszuweiten auf jene Bereiche, in denen die
Naturwissenschaft es nicht anwendet. Der Denk- und Erkenntnisvorgang,
der gewöhnlich der Aufmerksamkeit entschlüpft, weil die
Aufmerksamkeit allein auf Gegenstände sich richtet, die es zu
erkennen gilt, sollen in kontrollierter Weise bewußt gemacht werden.
Wo
diese Bewußtmachung unterbleibt, kann Wissenschaftlichkeit nicht
gesichert werden. Was anders als unwissenschaftlich sind Aussagen über
das Denken, etwa die, es sei eine Hirnfunktion, die nicht einer
Kontrolle durch die denkende Beobachtung des Denkens unterzogen
werden? Der Zusammenhang von Gehirn und Denken kann nur durch die
denkende Verbindung von Beobachtungen am Denken und Beobachtungen am
Gehirn aufgefunden werden. Alles andere ist unlogisch.
Die
Beobachtung des Denkens ergibt nun aber, daß da, wo konzentriert
gedacht wird und nicht etwa nur vage Einfälle aneinandergereiht
werden, der Mensch mit dem Gehirn, nicht jedoch das Gehirn mit dem
Menschen denkt. Das Ich, das sich in der Beobachtung des Denkens
selbst in seinem Denktätigsein wahrzunehmen beginnt, macht eine
Autonomieerfahrung, die es einfach absurd erscheinen läßt, dieses
Ich aus Prozessen materieller Substanz ableiten zu wollen. So ist für
Steiner das Materialismus-Problem keine Frage von Theorien über das
Bewußtsein, sondern eine praktische. Marx hatte gesagt: "Die
Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert;
es kömmt darauf an, sie zu verändern."
Diesen Satz wendet Steiner implizit zugleich auf das Bewußtsein an:
Es kommt nicht darauf an, wie man es - materialistisch oder
idealistisch - interpretiert. Es kommt darauf an, es zu verändern und
dadurch zu geistigen Erfahrungen durchzustoßen, zu jener geistigen
Wirklichkeit, die ebenso konkret ist wie die physische, um es mit den
Worten des jungen Marx zu sagen.
Steiner
knüpft an Hegel an, in dessen dialektischer Logik das begriffliche
Denken ein Optimum an Beweglichkeit erreicht hat, in der die Begriffe
fließend und ineinander übergehend gebildet sind. Aber anders als
Hegel bleibt er nicht in der begrifflichen Sphäre stehen, sondern
sucht durch diese hindurch ein Geistig-Lebendiges, von dem die Ideen
nur der Schatten sind.
Exkurs: Dialektischer Materialismus, absoluter Phänomenalismus und phänomenologische
Erkenntniswissenschaft
Um
die Spezifik von Rudolf Steiners Wissenschaftsansatz deutlich
herauszuarbeiten, werden wir ihn hier einmal mit der
dialektisch-materialistischen Widerspiegelungstheorie der Erkenntnis
vergleichen, wie sie im heutigen Marxismus-Leninismus zu finden ist,
der sich dabei auf die erkenntnistheoretische Ausgestaltung des
Marxschen Materialismus durch Friedrich Engels und die darauf
aufbauenden Gedanken von W. I. Lenin beruft. Zugleich werden wir
Steiners Ansatz mit dem Neoempirismus von Ernst Mach, Richard
Avenarius und Alexander A. Bogdanow konfrontieren, jenen Denkern, von
denen sich Lenin zu seiner berühmten Verteidigung der
Widerspiegelungstheorie provoziert fühlte.
Die
Widerspiegelungstheorie der Erkenntnis faßt diese als ein
untergeordnetes Moment der praktisch-gegenständlichen
Subjekt-Objekt-Dialektik auf. Voraussetzungslosigkeit in der
Erkenntnistheorie erscheint ihr als eine Unmöglichkeit, als
Verschleierung des gesellschaftlichen Charakters des
Erkenntnisprozesses. Das Objekt wird dem Subjekt letztlich nur als
Gegenstand der Tätigkeit gegeben, aber dieses Objekt, die Materie,
hat "der Mensch nicht geschaffen. Er schafft jede produktive Fähigkeit
der Materie nur unter der Voraussetzung der Materie" (Marx).
Die Materie ist deshalb an sich seiende, bewußtseinsunabhängige
Realität, die im Erkenntnisprozeß widergespiegelt wird. Das erste in
dieser Widerspiegelung ist "die Empfindung und in dieser die
Qualität" (Lenin).
Widerspiegelung ist nicht toter Abklatsch, sondern Tätigkeit des
Subjekts, in dem Wissen aus Nicht-Wissen entsteht. Die Determination
der Erkenntnis durch die Praxis bedeutet Relativität des Wissens,
nicht aber Relativismus. Das Wissen ist nicht einfach relativ, sondern
relativ wahr, und nähert sich geschichtlich asymptotisch der absoluten
Wahrheit (Lenin).
Der
"Empiriokritizist" Avenarius will den Wahrheitsbegriff durch
den Begriff des kleinsten Kraftmaßes ersetzen (Prinzip der Denkökonomie
bei Mach).
Ein Unterschied zwischen Sinneserlebnis und Sache soll nicht länger
anerkannt werden. Materialismus und Idealismus sind beide als
"Metaphysik" zu verwerfen, da sie Antworten auf ein
Scheinproblem - das Subjekt-Objekt-Problem - darstellen.
"Spiritualistische Illusionen" wie die Unterscheidung
zwischen Körper und Seele kommen durch sogenannte Introjektion
zustande, durch die ein Erfahrungsinhalt gedanklich verdoppelt wird.
Der wirkliche Erkenntnisakt, so sagt es der Physiker, Physikhistoriker
und Empiriomonist Mach, enthält nichts, was nicht schon in der
unmittelbaren Erfahrung enthalten ist. In der Nachfolge des absoluten
Phänomenalismus von David Hume werden denn auch nur analytische,
keine synthetischen Urteile a priori anerkannt.
Avenarius gesteht immerhin noch zu, daß Erkenntnis so etwas wie eine
Relation zwischen Empfindendem und Empfundenem voraussetzt, und er
schafft den Begriff der "Prinzipialkoordination", um die
Relation neu zu bestimmen: Außenwelt und Ich sind gleichwertig und
prinzipiell miteinander koordinierte Glieder der Erfahrungswelt. Die
Frage nach dem ontologischen Status beider Seiten außerhalb der
jeweiligen Relation ist sinnlos. Wegen der Stetigkeit des Auftretens
der Icherfahrung kann man das Individuum als Zentralglied bezeichnen;
das, was früher Objekt genannt wurde, ist dann schlicht das, was für
alle Zentralglieder numerisch 1 ist. (Einfacher ausgedrückt: In einem
Raum, in dem ein Tisch steht, sehen alle Betrachter einen Tisch und
nicht jeder einen anderen.) Mit dieser Fassung der Sache glaubt
Avenarius, über die Hürde des Solipsismus hinweg zu sein.
Avenarius
und Mach interpretieren die Erkenntnis im übrigen biologisch als
unter dem Überlebensgesichtspunkt herausgezüchtete "ökonomische"
Reaktionsweise. Sie werden damit zu Vorläufern der heutigen
sogenannten evolutionären Erkenntnistheorie (G. Vollmer und andere).
Bogdanow und andere gaben der skizzierten Philosophie eine Wendung ins
Kollektivistische und versuchten sie innerhalb der bolschewistischen
Partei populär zu machen.
Für Bogdanow besteht die objektive Existenz der Natur darin, daß sie
für alle existiert: Natur ist ihm kollektiv organisierte Erfahrung.
Neu gefaßt wird der Begriff des Zentralglieds: Die Zersplitterung der
Erfahrungswelt in einzelne Erfahrungszentren wird als Reflex des
sozialen Atomismus der bürgerlichen Gesellschaft interpretiert. In
einer kommunistischen Gesellschaft sieht Bogdanow den Unterschied
zwischen kollektiver und individueller Erfahrung sich auflösen, so daß
man eigentlich nur noch von einem einzigen Zentralglied sprechen kann.
Der Erkenntnisgehalt einer Idee besteht in der durch sie ermöglichten
Steigerung der gesellschaftlichen Arbeitsenergie. Die Forderung nach
dem totalen Bruch mit der bisherigen Wissenschaft und Kultur (Proletkult)
ist eine Folgerung aus dieser Liquidierung des Wahrheitsbegriffs.
Steiner
sucht nach einem - so weit überhaupt möglich - voraussetzungsfreien
Anfang der Erkenntnistheorie,
den er in der exakten seelischen Beobachtung des Anfangs des
Erkenntnisvorgangs findet. Statt mit theoretischen Reflexionen über
subjektive und objektive Bedeutung der Sinnes- und Begriffsqualitäten
beziehungsweise über die Prinzipialkoordination der Erfahrungsinhalte
beginnt er mit der Blicklenkung auf die Qualität des Auftretens
dieser Inhalte: Ein Teil unseres Erfahrungsinhalts tritt zunächst
ungeordnet und ohne unser Zutun auf, ein anderer dagegen hat die
Qualität des von uns hervorgebrachten Gegebenseins.
Denken tritt nicht ohne innere Anstrengung und Tätigkeit in uns auf.
Diese ist es, durch die Ordnung und Zusammenhang in den übrigen
Erfahrungsinhalt kommt. Dabei erweisen sich die Begriffe, obwohl vom
Subjekt hervorgebracht, als zusammenhängend nicht kraft dessen Willkür,
sondern kraft ihres eigenen objektiven Inhalts. Dieser enthüllt sich
nach der richtigen Zusammenfügung mit dem übrigen Erfahrungsinhalt
als dessen vorher verborgener immanenter Zusammenhang. Der
Erfahrungsinhalt hat sich vom unbegriffenen zum begriffenen gewandelt.
Die Qualität des unmittelbar vor der Bearbeitung durch das Denken
gegebenen Erfahrungsinhalts als reine Wahrnehmung kann man nur durch
Enthaltung von aller Tätigkeit gewahren. Gewöhnlich haben wir es da,
wo wir wahrzunehmen vermeinen, schon mit Ergebnissen einer vorbewußt
verlaufenden Strukturbildung zu tun, wobei Struktur hier als Komplex
sinnlich-wahrnehmbarer und begrifflicher Elemente verstanden wird. Die
seelische Beobachtung deckt nun - im Sinne einer "Strukturphänomenologie"
- auf, daß die "vollständige Wirklichkeit in der Vielfalt ihrer
Erscheinungen nicht ohne unser mitgestaltendes Zutun als unser Bewußtseinsinhalt
erscheint".
Die
Methode der seelischen Beobachtung führt in ihrer Anwendung zu einer
Reihe weiterer Konsequenzen, die hier nur in knappen Strichen
skizziert werden können:
1.
Sie schärft den Blick für die Differenziertheit der Sinnesqualitäten
und Modalbereiche. Die von Steiner später entwickelte Sinneslehre
steht daher zu seiner Erkenntnistheorie nicht im Widerspruch, sondern
stellt ihre Ergänzung und Weiterführung dar.
2.
Die seelische Beobachtung führt zur Einsicht in das Wesen der
Begriffsqualität: Der Begriffsinhalt ist nicht durch Abstraktion
gewinnbar, zum Beispiel durch Selektion "wesentlicher
Merkmale" o.ä., da die Begriffe - von den Kategorien abwärts -
nur deshalb für die Zusammenordnung der Resterfahrung die Form
abgeben können, weil sie als solche bereits inhaltliche Bestimmungen
darstellen. Diese kommen nicht in der Sinneserfahrung vor, in der
nichts als "wesentlich", "gleich", "ähnlich"
und so weiter auftritt. So führt die seelische Beobachtung zu der
Aufgabe zu beobachten, wie der Schein der Abstraktheit der Begriffe
sich bildet. Darauf wird zurückzukommen sein.
3.
Seelische Beobachtung falsifiziert die dialektisch-materialistische
These, daß Denken als Hirnfunktion und so weiter materiell
determiniert sei, denn diese Beobachtung ergibt, daß konzentriertes
Denken, im Gegensatz zum assoziativen, aus sich selber schöpft; in
der Beobachtung des Denkens nimmt sich das Ich als tätiges in seiner
Unableitbarkeit aus Prozessen materieller Substanz wahr. Die physische
Organisation vermittelt dem Menschen durch die Sinnesorgane ein
unzusammenhängend Gegebenes, dessen Zusammenhang das Denken dadurch
wieder zur Geltung bringt, daß es die Zurückdrängung des
zusammenhangbildenden Elements seinerseits zurückdrängt. In diesem
Sinne wird stets "gegen" die physische Organisation gedacht.
Die Funktion des Gehirns in bezug auf das Denkens ist daher nicht die
des Quellgrunds, sondern die des Widerlagers.
4.
Seelische Beobachtung lenkt die Aufmerksamkeit vom Gewordenen auf das
Werdende, auf die Tätigkeit, die Begriffe produziert und sie auf dem
Wege "experimenteller Urteilsbildung" (H. Witzenmann) mit
Wahrnehmungsinhalten verknüpft, ihnen dadurch ihren geistigen Gehalt
zurückgebend. Dadurch durchbricht sie den
"Erinnerungsschleier" (Witzenmann), der dem gewöhnlichen
Gegenstandsbewußtsein die Strukturbildung verhüllt. Diesem Bewußtsein
entgeht der Bezug auf eine in der Vergangenheit bereits vollzogene
Strukturbildung. Durch diese vorbewußt bleibende Erinnerungsförmigkeit
entstehen die naiv-realistischen Vermeinungen des Gegenstandsbewußtseins,
wie sie letztlich auch dem Materiebegriff des Marxismus zugrunde
liegen, deren Genese sich ebenfalls als beobachtbar erweist.
5.
Seelische Beobachtung klärt das Verhältnis von Begriff, Wahrnehmung
und Vorstellung auf. Der Anpassungsvorgang der Allgemeinbegriffe
(Universalien) erfolgt in einzelnen Akten, nach denen diese
Universalien als individualisierte Begriffe oder
"Vorstellungen" im Bewußtsein verbleiben, das heißt sie
verbleiben dort in einer an die Einzelerfahrung, auf die sie einmal
bezogen waren, angepaßten Form. Die Vorstellungen, nicht die Begriffe
und Wahrnehmungen, sind als subjektive Repräsentanten der
Wirklichkeit ansprechbar.
6.
In der Vorstellungsbildung wird Wahrnehmungsinhalt begrifflich
durchdrungen und Begriffsinhalt mit Wahrnehmungsinhalt gesättigt. In
diesem Wechselspiel der Durchdringung erarbeitet sich der Menschen
seinen jeweiligen Wirklichkeitsanteil. Durch sein produktives Verhältnis
zur Wirklichkeit ist er zur Freiheit fähig, indem er aus Erkenntnis
handelt.
Wahre Gemeinschaftlichkeit entsteht für Steiner aus der
Wesensbegegnung freier Persönlichkeiten, nicht aber aus der
Einschmelzung des Individuellen in ein Abstrakt-Allgemeines. So mündet
die phänomenologische Erkenntniswissenschaft letztlich auch in die
Wissenschaft von der "Freiheitsgestalt des sozialen
Organismus".
7.
In der mangelnden Beobachtung des Erkenntnisvorgangs berühren sich
die Extreme von Materialismus und subjektiv getöntem Phänomenalismus.
Gerade hier lag der Ansatzpunkt für Bogdanows Versuch, Marxismus und
Empiriomonismus zu kombinieren. Der Materialismus verfehlt die
Strukturbildung und nimmt deshalb die Bildekräfte als Eigenschaft der
Materie, statt die Materie als Resultat gestaltender Kräfte zu
betrachten. Eine Erkenntnistheorie in der Art von Mach und Avenarius
dagegen ist unfähig, innerhalb des Gewebes der Qualitäten qualitativ
zu differenzieren, zum Beispiel zwischen materiellen und geistigen
Vorgängen. Ihr zerflattert daher beides: die Gegenständlichkeit und
das Ich, das bei Mach, wie Rudolf Steiner sagt, "zum mythischen
Begriff" wird.
Mach denkt das Empfinden wie ein Empfundenes, und Avenarius kann
diesem Empfundenen mit dem Wörtchen "Zentralglied" seinen
Ich-Charakter nicht wiedergeben.
Für
Steiner ist die Welt sich metamorphosierender Wahrnehmungsinhalt ohne
zugrunde liegende Materie im Sinne letzter Weltelemente.
Aber für ihn bleibt Materie im Erfahrungsganzen ein spezifischer
Sektor. Wir werden in Steiners Sinne immer da von Materialität
sprechen müssen, wo das Phänomen der Raumerfüllung auftritt, nicht
dagegen da, wo unräumliche Formierungen auftreten wie in der
menschlichen Gefühlswelt. Materie ist für Steiner durch ihre Qualität,
nicht aber, wie Lenin meinte, Qualität durch ihre Materie zu
bestimmen. Zwischen Empfindungsakt und Empfindungsinhalt vermochten
weder Empiriomonisten noch dialektische Materialisten angemessen zu
differenzieren. Der Marxismus versucht, die Qualität in ihrer
Nichtreduzierbarkeit festzuhalten, gelangt aber nicht zu einer
Erkenntnismethode, die im gleichen Sinne wie die anthroposophische auf
das Erfassen der Qualitäten in concreto abzielt.
Gegenüber
dem Mißverständnis Eduard von Hartmanns, Steiners Philosophie müsse
Phänomenalismus, absoluten Illusionismus und Agnostizismus nach sich
ziehen, argumentierte dieser in der folgenden, durch unseren Vergleich
erhärtbaren Weise: Es werde bei ihm der absolute Phänomenalismus
Humescher Art überwunden "durch den Versuch einer solchen
Kennzeichnung des Denkens, daß durch dieses dem sinnenfälligen
Weltbilde sein phänomenaler Charakter benommen und es zur Erscheinung
einer objektiven Welt gemacht wird; Berkeleys subjektiver Phänomenalismus
verliert ... seine Berechtigung, indem gezeigt wird, daß im Denken
der Mensch mit der objektiven Welt zusammenwächst und daher die
Behauptung allen Sinn verliert, die Weltphänomene seien außerhalb
des Wahrgenommenwerdens nicht vorhanden".
Im Gegensatz zur Philosophie Hegels nimmt Steiner das reine Denken
nicht als ein Letztes, sondern als einen Anfang.
Denn in diesem reinen Denken kann das Ich als reine Aktualität oder
Wollen (Kraft) erlebt und damit ein erstes Übersinnlich-Reales
wahrgenommen werden. Steiner erklärt, daß man durch Übung "das
Wahrnehmungsorgan, das man am Erleben der eigenen Denktätigkeit
ausgebildet hat, auch dann bewahren" kann, "wenn man das
Eigenerleben seiner Denktätigkeit auslöscht" und damit die Möglichkeit
gewinnt, die kraftenden Gesetze, die Universalia in rebus oder den
Logos der Phänomene "wie durch ein geistiges Tasterlebnis
wahrzunehmen und dann durch begriffliche Bestimmungen in einen gesetzmäßigen
Zusammenhang zu bringen".
Durch Entwicklung des Denkens wird somit der Ablähmungsvorgang zurückgebildet,
der die Begriffe, der Form ihres Auftretens im gewöhnlichen Bewußtsein
nach, zu abstrakten und unlebendigen Gebilden werden läßt.
Zusammenfassend kann man sagen, daß Rudolf Steiner in seiner
Erkenntnislehre Materialismus wie Phänomenalismus überwindet und in
konsequenter Verfolgung eines phänomenologischen Ansatzes durch das
Denken zu einer Geistanschauung vorstößt.
Die
Beobachtung des Erkenntnisvorgangs hilft, Erkenntnisstile zu erkennen
und im Hinblick auf ihren Wirklichkeitsbezug zu untersuchen. Der
Begriff "Bergkristall" kann zum Beispiel auf verschiedene
Weise, phänomennäher oder phänomenferner, gebildet werden. In der
Strukturformel SiO2
erscheint der Wahrnehmungsgehalt wie ausgelöscht. Die Aufmerksamkeit
wird davon absorbiert, wie sich das Ganze in verschiedenen Mengenverhältnissen
aufbaut, aus denen gegebenenfalls ein Stoff technisch reproduziert
werden kann. Diese Betrachtungsart ist aber nur richtig, wenn sie ihre
Grenzen kennt. Sie ist ergänzungsbedürftig. Aus der phänomenologischen
Betrachtungsweise Goethes und Steiners heraus wird man weitergehen und
die Sprache von Form und Qualität zu verstehen versuchen, wird etwa
auf die eigentümliche Kombination von materieller Dichtigkeit und
Lichtdurchlässigkeit achten. Man wird versuchen zu verstehen, wie aus
der phänomenalen Eigenart des Siliciums und des Sauerstoffs mit
innerer Notwendigkeit jenes Gebilde entsteht, das jeder als
Bergkristall kennt. Und von diesem Gesichtspunkt aus wird auch neues
Licht auf die quantitativen Verhältnisse fallen können.
Das
Gesagte gilt noch in stärkerem Maße für den Bereich der organischen
Natur: Den Begriff "Birke" kann ich zunächst als abstrakten
Begriff fassen, indem ich sogenannte Unterscheidungsmerkmale
festmache: wechselständige, rundliche bis rautenförmige, gezähnte
Blätter; Blüten einhäusig; Blütenstände kätzchenförmig, Früchte
ein- bis zweisamig, geflügelt und so weiter. Doch bleiben diese
Einzelheiten der zufällige Merkmalsmix, als den ihn die
darwinistische Evolutionstheorie denn auch naturgeschichtlich
entstehen läßt. Wieso hat eine Birke keine Eicheln? Wieso verzweigt
sie sich nicht buchenhaft? Ist das Zufall? Oder spricht sich nicht
gerade im Zusammenklingen der Merkmale eine innere Notwendigkeit aus,
eben das Birkenhafte als Gestaltungs- und Bildeprinzip? Denke ich
Birke so, dann belebt sich mir der Begriff und wird zunehmend eins mit
dem, was da draußen in der Natur als Birkenart lebt, mit ihrer
umraum- und lichtoffenen, gleichsam versprühenden Gestaltung, die die
Verzweigung ebenso prägt wie die Blattform und die den winzigen,
praktisch gewichtslosen Samen mit ihrer Beziehung zum Luftelement
entspricht. Und ich belebe mir den Begriff in dem Maße, indem ich über
die bloß räumliche Betrachtung hinausgehe und mir im
Nachplastizieren der Wachstumsbewegungen das Bildeprinzip bewußt
mache, was alle Einzelheiten realiter durchprägt und durchkraftet.
Genauso
kann ich fragen: Was ist eigentlich das Wesenhafte einer bestimmten
Tierart, das deren äußere Gestaltung, aber auch ihr
Verhaltensrepertoire durchprägt? Und sowenig ein angemessener Begriff
der Pflanze gebildet werden kann, wenn von dem Leben dieser Pflanze
abstrahiert wird, sowenig kann ein zutreffender Begriff einer Tierart
entstehen, wenn das Tier nicht als beseeltes Wesen mit inneren
Erlebnissen genommen wird. Diese inneren Erlebnisse und das
Verhaltensrepertoire sind artspezifisch, gattungsmäßig. Rudolf
Steiner spricht auch von Gruppenseele.
Beim
Menschen hört die Möglichkeit einer gattungsmäßigen Betrachtung
auf: da ist jedes Individuum einmalig und unverwechselbar, ist
Individualität. Eine Individualität verstehe ich nur, wenn ich
Physiognomie und Leibesgestalt, wenn ich die seelischen Regungen und
so weiter in ihrem Durchprägtsein von einem denkenden, fühlenden und
handelnden Ich anschauen lerne. Und dieses Ich kann letztlich nicht
aus äußeren Bedingungen erklärt werden. Seinem Charakter nach läßt
es sich nicht in den Grenzen von Geburt und Tod eingeschlossen denken.
Es ist nur durch Selbstentstammung und Reinkarnation zu erklären,
eine Konsequenz, die hier nur angedeutet werden kann. Es liegt auf der
Hand, daß die skizzierte Herangehensweise dazu beiträgt, Interesse
am anderen Menschen und damit soziales Verständnis zu fördern.
Rudolf Steiners Sozialimpuls und
der Marxismus in seinen verschiedenen Strömungen
Interesse
des Menschen am anderen Menschen, fundiert durch wirkliche
Menschenerkenntnis, dies ist für Steiner der Kern des Sozialen. Den
Zeitgenossen fällt es schwerer als den Menschen früherer Zeiten,
mitmenschliches Interesse zu entwickeln. Denn wir sind eben um ein
Vielfaches individueller geworden als unsere Vorfahren es waren.
Dadurch ist die Vereinzelung, sind die Beziehungsprobleme stärker als
je. Auf diesen neuzeitlichen Individualismus versucht das soziale
Denken Antworten zu finden, die sehr unterschiedlich ausfallen.
Rousseau, Marx und andere hoffen, daß der Mensch dereinst wieder ein
völlig soziales Wesen sein und der Egoismus mit der bestehenden
Gesellschaftsverfassung überwunden werden wird. Andere setzten - wie
Adam Smith - auf den Egoismus als Schmiermittel der gesellschaftlichen
Dynamik: Profit als Leistungsanreiz für das Ganze. Rudolf Steiner ist
weit entfernt von solchen schematischen Ansichten, die in der Praxis
zu antihumanen Verhältnissen führen müssen und schon geführt
haben. Für ihn bildet das Soziale und das Antisoziale im Menschen
jeweils den einen Ausschlag einer Pendelschwingung: ohne das
Antisoziale kein individuelles Eigensein, gerade weil das so ist,
bedarf es aber immer wieder des Ausgleichs durch eine entsprechende
soziale Struktur, die das Ausleben des Antisozialen begrenzt.
"Leben,
einzeln und frei wie ein Baum und gemeinsam wie ein Wald ist unsere
Sehnsucht." Diese Worte des türkischen Dichters Nazim Hikmet könnte
man durchaus als Leitspruch über Steiners Suchen nach einer
Gesellschaftsform der Freiheit, Mündigkeit und Solidarität stellen.
Für
die heutige Zeit - im Gegensatz zum berechtigten Kollektivismus älterer
Kulturen, die den einzelnen im Interesse des Lebens der Gemeinschaft
aufopferten (siehe Steiners "Soziologisches Grundgesetz",
[1898]) - sind Staat und Gesellschaft so einzurichten, daß sie den
einzelnen nicht bevormunden. In diesem Sinne ist Steiner durchaus
individualistischer Anarchist oder besser gesagt Nearchist, jemand,
der ein Minimum an Herrschaft anstrebt und deshalb den Staat auf einen
Minimalstaat, einen reinen Rechtsstaat beschränkt sehen will. Auf der
anderen Seite ist er aber auch ein radikaler Sozialist, der für das
Wirtschaftsleben solidarische Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe,
anstelle des Profit- und Konkurrenzprinzips, als allein heilsam
ansieht.
1905/06
formuliert Steiner in einer Aufsatzreihe "Geisteswissenschaft und
soziale Frage" seine Alternative zum Zielkonflikt in der
Arbeiterbewegung zwischen "Sozialreform und Revolution":
Weder Anpassung an das bestehende System noch Klassenkampf und
gewaltsamer Umsturz lösen die soziale Frage. Mit der Ausbeutung kann
man sich niemals abfinden. Aber jeder Menschheitsfortschritt kann
"nicht anders herbeigeführt werden, als wenn Mensch nach Mensch
erobert wird. Nur wenn die Menschen wollen, schreitet die Welt vorwärts."
Damit ist die "strategische" Leitlinie radikaler
Gewaltfreiheit umrissen: Man kann niemanden zur Freiheit zwingen.
Der
Ausbeutungsbegriff, den er in diesen Aufsätzen entwickelt, ist
differenzierter als der Marxsche: Ausbeutung ist überall da
vorhanden, wo ich Güter zu billig, auf Kosten des Erzeugers zu
erwerben trachte, während korrekterweise der richtige Preis eines
Guts die Erzeuger und ihre Familien solange sicherstellen muß, bis
ein neues Gut oder eine neue Dienstleistung derselben Art entstanden
ist, die nun wiederum verkauft werden kann. Ein radikales
Neudurchdenken der Lohnfrage führt zu dem Ergebnis, daß die heutigen
Formen der Entlohnung im Grunde die Mentalität eines Selbstversorgers
ansprechen, den es doch infolge der modernen Arbeitsteilung nicht mehr
gibt: Objektiv arbeitet jeder für den anderen; die Arbeitsmotivation
dagegen ist noch weitgehend eine egoistische. Dieser Egoismus kann höchstens
vorübergehend zum Wohl, nie aber längerfristig zum Heil einer
Gemeinschaft arbeitender Menschen dienen. Dieses wird vielmehr durch
bewußte Gemeinschaftlichkeit gefördert, die die Früchte der Arbeit
dem je anderen zukommen läßt und bei der jeder durch den je anderen
unterhalten wird. Soziales Hauptgesetz nennt Steiner diesen
notwendigen Zusammenhang von Heil und Gemeinschaftlichkeit. Dieses
Gesetz soll kein allgemeines moralisches Postulat bleiben, sondern
sich in vielfältiger Weise in Einrichtungen des sozialen Organismus
auswirken, die verhindern, daß der einzelne die Früchte seiner
Arbeit für sich einheimst und auf Kosten der anderen zu leben
versucht.
Unter
diesem Gesichtspunkt der Trennung von Arbeit und Einkommen stehen
vielfältige Versuche der anthroposophisch orientierten Schulen,
Krankenhäuser und so weiter, zu einer besseren, bedarfsgerechteren
Einkommensverteilung der als gleichberechtigt angesehenen Mitarbeiter
zu kommen. Die Arbeitskraft als Ware zu behandeln, ist in der Tat
menschenunwürdig, die marxistische Kritik an diesem Zustand insoweit
berechtigt.
Rudolf
Steiner weiß nur zu gut, daß die meisten die Idee der Trennung von
Arbeit und Einkommen für utopisch halten. Und er ist Realist genug,
um eine Voraussetzung zu machen: Die Gemeinschaft muß sich einem Ziel
verschrieben haben, das für den einzelnen Mitarbeiter eine echte
menschliche Identifikation erlaubt und dadurch motivierend ist.
"Geistige Mission" der Gemeinschaft nennt er das. Solche
sinnstiftenden Ziele kommen heute wenig zustande, weil das
Wirtschaftsleben, die Warenproduktion, die Warenzirkulation und der
Konsum weitgehend zum Selbstzweck geworden sind, statt als dienende
Grundlage menschlicher Entwicklung und Selbstverwirklichung betrachtet
zu werden. Soziologisch kann man auch davon sprechen, daß das
Wirtschaftsleben ein ungesundes Übergewicht im sozialen Organismus
bekommen hat, mit dem Rechts- und Staatsleben zu einer Art von
staatsmonopolistischem Kapitalismus (ein marxistischer Terminus!)
verwachsen ist und das Geistesleben von sich abhängig gemacht hat.
Aus einem solchen unselbständigen Geistesleben können aber die
motivierenden Impulse nicht kommen, deren der soziale Organismus
bedarf. Nur in voller Freiheit kann dieses Geistesleben gedeihen. So
ergänzen sich für Steiner die Forderungen nach einem solidarischen
Wirtschaften, nach auch institutionell abgesicherter Geistesfreiheit
und nach einem reinen demokratischen Rechtsstaat.
Steiner
bedenkt das Problem, in welchem Verhältnis institutionelle Veränderung
und individuelle und soziale Verhaltensänderung stehen: Eine soziale
Ordnung herbeizuführen, dazu sind Einrichtungen notwendig, dazu genügen
nicht moralische Appelle. Aber auf der anderen Seite werden die besten
Einrichtungen pervertiert, wenn sich die Menschen in ihnen antisozial
verhalten.
Wegen
mangelnden Interesses bei seinem theosophischen Publikum sieht sich
Steiner gezwungen, die Aufsatzreihe "Geisteswissenschaft und
soziale Frage" abzubrechen. Erst im Epochenjahr 1917 wird das
Thema wieder aufgegriffen: Steiner verfaßt auf Bitten die beiden
Memoranden mit Vorschlägen zu einer sozialen Neuordnung in
Mitteleuropa im Sinne des Selbstverwaltungsgedankens, von denen im
ersten Beitrag dieses Bändchens bereits die Rede war.
Nach
der Novemberrevolution entwickelt sich eine Volksbewegung, vor allem
in Baden-Württemberg, für die skizzierte Idee der sozialen
"Dreigliederung". Eine Selbstverwaltungsbewegung in den
Betrieben ("Betriebsrätebewegung"), die Gründung der
selbstverwalteten Freien Waldorfschule als Versuch, wie Steiner sich
ausdrückt, "reformierend, revolutionierend im Schulwesen zu
wirken",
fallen in diese "aktivistische Zeit". Selbstverwaltung des
Bildungs-, speziell des Schulwesens, das heißt: Diejenigen, die
erziehen und unterrichten, verantworten und gestalten nicht nur den pädagogischen
Prozeß eigenständig, sondern auch alles im engeren Sinne
Verwaltungsmäßige. Weder Lehrpläne noch "Direktoren"
lassen sie sich von einem wie immer gearteten "Oben"
vorschreiben. Sie bestimmen selbst, wen sie in das jeweilige Kollegium
aufnehmen wollen. Sie machen ein pädagogisches Angebot an die
"Abnehmer" von Pädagogik: Eltern, Schüler. Sie haben sich
diesen gegenüber zu verantworten und sind abhängig von ihrem freien
Ver-ständnis. Solche Schulen wollen keine staatliche
Bestandsgarantie, sondern setzen sich einem Wettbewerb aus. Allerdings
keinem kommerziellen: da sie eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe erfüllen,
muß ihre Finanzierung in geeigneter Weise gesamtgesellschaftlich
abgesichert werden.
Auch
Marx spricht gelegentlich von der Gesellschaft als von einem sozialen
Organismus, der kein fester Kristall, sondern in ständiger Bewegung
und Veränderung befindlich sei. Rudolf Steiners Konzept der
"Dreigliederung des sozialen Organismus" geht von einer
stringenteren organischen Betrachtungsweise aus, ohne statische Basis-Überbau-Relationen.
Steiners Herangehensweise ist, wenn man so will,
"strukturell-funktional" und weist insoweit Berührungspunkte
zur modernen soziologischen Systemtheorie auf.
Jedoch wird bei Rudolf Steiner die Struktur niemals abstrakt gedacht
und gegenüber dem Menschen verselbständigt. Am menschlichen natürlichen
Organismus kann der Blick für lebensmögliche Zusammenhänge, für
die notwendige Funktionalität von Struktur- und Organbildungen, geschärft
werden. Analogieschlüsse als Erkenntnismittel für den sozialen
Organismus werden aber ausdrücklich abgelehnt, da sie der Spezifik
des Sozialen nicht gerecht werden können.
Wie
diese Lebenszusammenhänge im sozialen Organismus aussehen, soll zunächst
in bezug auf das geistige Leben der Gesellschaft kurz betrachtet
werden. Aus ihm muß ein ständiger Strom an produktiven,
konstruktiven und kreativen Fähigkeiten in den gesellschaftlichen
Gesamtorganismus einfließen. Träger der Fähigkeiten sind die
menschlichen Iche. Weil das Ich nicht nur im Denken lebt, sondern als
Willenshaft-Geistiges ebenso in den Gliedern und damit in der gegenständlichen
Arbeit, muß man mit Steiner dieses Ich in seiner Selbstbeweglichkeit
und Selbstgestaltungspotenz als das Subjekt der geistigen und der materiellen Produktion auffassen. So kommt man zu einem
umfasssenderen Arbeitsbegriff, als der Marxsche es ist. Wenn Jürgen
Habermas an Marx kritisiert, daß dieser Arbeit und Tätigkeit zu
stark auf den technisch-materiellen Aspekt reduziere, so schließt
Steiners Betrachtung die materielle Güterproduktion ebenso ein wie
das kommunikative Handeln, die künstlerische und die
wissenschaftliche Produktion.
Arbeit
ist geistiges Leben! Wo dieses Leben sich auf die materielle
Produktion richtet, kann allerdings noch nicht von einem freien,
allenfalls von einem halbfreien Geistesleben gesprochen werden. Volle
Freiheit als Gestaltungsprinzip muß da wirken, wo der Fähigkeitsstrom
entspringt, dort, wo die Fähigkeiten selbst durch Bildung und
Erziehung zur Entfaltung gebracht werden. Das Geistesleben insgesamt
kann seine Funktion nur bei voller Selbstverwaltung seines
Kernbereichs richtig erfüllen.
Dieselbe
funktionale Betrachtungsweise wird auch für das Rechts- und das
Wirtschaftsleben fruchtbar: Die Ausgleichs- und Ordnungsfunktion des
Rechtslebens ist unverzichtbar, darf aber nicht in eine
Verrechtlichung aller Lebensbereiche überwuchern und kann heute nicht
mehr von oben, sondern nur demokratisch, aus der gleichen Mündigkeit
der Staatsbürger gestaltet werden.
und das Wirtschaftsleben kann seiner Bedarfsdeckungs- und
-wahrnehmungsfunktion nur bei einer Verfassung der Solidarität, man
kann auch etwas anspruchsvoller sagen: der Brüderlichkeit, gerecht
werden.
Es
handelt sich bei der Dreigliederung des sozialen Organismus um das
Gegenteil einer ständischen Einteilung der Gesellschaft. Unsere Zeit,
das ist Steiners dezidierte Auffassung, strebt gerade über Klassen
und Stände hinaus. Früher war der einzelne der Gesellschaft
eingegliedert, heute muß sich die Gesellschaft gliedern, so daß der
einzelne in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Denn Gliederung
bedeutet Bewußtheit und Gestaltbarkeit. Es muß erst einmal bewußt
erlebt werden, was der einzelmenschlich-geistige, der
zwischenmenschlich-rechtliche und sachlich-wirtschaftliche Aspekt
einer Angelegenheit ist, dann müssen diese Aspekte, nachdem sie
unterschieden sind, bewußt und in freier Weise zusammengefügt
werden. Das ist das genaue Gegenteil der anonymen, undurchschaubaren
Megamaschine, der sich die heutige Gesellschaft anzunähern droht. Es
ist eine Gesellschaftsform, in der alles, was geschieht, nur so
geschehen kann, daß es von Menschen durchschaut und verantwortet
wird.
Dreigliederung des sozialen Organismus ist kein ausgedachtes
"Programm", sondern der Versuch, an den in der Neuzeit zur
Verwirklichung drängenden menschlichen Impulsen die notwendige
Gestaltung des sozialen Organismus abzulesen.
Betrachtet
man den sozialen Organismus in seiner Gliederung, so hat man zu
trennen den eigentlich wirtschaftlichen Vorgang der Erzeugung,
Verteilung und des Konsums von Waren und Dienstleistungen und all das,
was mit der Arbeitskraft und der unternehmerischen Intelligenz
zusammenhängt. Bei dem zweiten handelt es sich um eine Rechtsfrage,
nicht eigentlich um eine ökonomische. Und beim dritten spielt
Geistesleben in das Wirtschaften hinein. Beides darf also nicht nach
kommerziellen Gesichtspunkten behandelt werden. Einen Handel mit
Rechten, wie er bei der Bodenspekulation stattfindet, darf es unter
gesunden Verhältnissen nicht geben.
Der
Marxismus hat das Feuer seiner Kritik gegen das kapitalistische
Privateigentum an den Produktionsmitteln gerichtet. Die Alternative
war in der Praxis ein bürokratisches System, das jetzt mühsam einem
Umbau unterzogen werden muß. Steiners Sicht der Dinge ist
differenzierter: Nicht die Verfügung unternehmerischer Intelligenz über
die Produktion ist schädlich, im Gegenteil, sie nur führt dazu, daß
Unternehmensgeist nicht erlahmt. Das Kapital dient diesem
Unternehmensgeist. Seine Früchte dürfen nicht der privaten Aneignung
unterliegen, vielmehr ist eine Art Kreislaufeigentum nötig, bei dem
Kapitalien jeweils an die Fähigsten als Treuhänder der Gesellschaft
übertragen werden. Daneben gibt es eine Art ideelles Miteigentum
aller Mitarbeiter, das unter anderem dazu führt, daß Betriebe nicht
einfach verkauft und zu Spekulationsobjekten gemacht werden können.
Das
eigentliche Wirtschaftsleben soll "assoziativ" gestaltet
werden: Assoziative Wirtschaft bedeutet, daß die Ökonomie nicht
zentralistisch-politisch "verwaltet" werden soll, sondern
durch eine Mannigfaltigkeit assoziativer Zusammenhänge gesteuert
werden sollte, die auf Verträgen über Leistung und Gegenleistung
beruhen. Kartell- und trustartige Zusammenschlüsse sind ein Indikator
für die Notwendigkeit der Assoziation, insofern sie den "reinen
Markt" der wirtschaftsliberalistischen Ideologie beseitigen. Sie
sind aber nur ein Zerrbild des Notwendigen, denn in ihnen dominiert
der Kampf um Marktanteile und nicht das Bedarfsdeckungsprinzip.
Entscheidende Aufgaben der Assoziationen sind eine gerechte
Preisbildung, die Beobachtung der wirtschaftlichen Trends und die
darauf fußende Vorbeugung gegen Fehlentwicklungen, ein bewußtes und
aktives Hinarbeiten auf die notwendige Proportionalität und
Verhandelungen über die richtige Verteilung der Arbeitskräfte auf
die Branchen. Die Assoziation soll Transparenz und Vertrauen bewirken,
ein lebendiges Miteinander, einen wahrhaften "Mutualismus" (Proudhon)
bewerkstelligen.
Für
Rudolf Steiner ist Marx' Basis-Überbau-Lehre eine Teilwahrheit - als
solche auch nur gültig für die Neuzeit, einer Zeit, in der alle
Aufmerksamkeit vom wirtschaftlichen Getriebe absorbiert wird, alle
gesellschaftlichen Bereiche einschließlich von Bildung und
Wissenschaft immer mehr ökonomisiert werden und in der das
Kulturleben zum bloßen Anhängsel des Ganzen wird.
Für Steiner ist dieser Zustand, wie für die Denker der Frankfurter
Schule, kein bloß ökonomisch erklärbarer und
"reparabler", sondern es handelt sich um ein Phänomen, das
symptomatisch ist für eine umfassende Zivilisations- und Bewußtseinskrise.
Der reflexhafte Charakter von gesellschaftlichem Bewußtsein ist ein
Ausdruck der Vereinseitigung des gesellschaftlichen Lebensprozesses.
Doch die Einsicht in die "Dialektik der Aufklärung" mündet
bei Rudolf Steiner nicht in einen allgemeinen Kulturpessimismus und
Ratlosigkeit in bezug auf praktische Alternativen. Seine Lösung
besteht vielmehr darin, die reduzierte aufklärerische Ratio über
sich hinauszutreiben. Ausdrücklich schließt er an Kants bekanntes
"Sapere aude" an und wandelt diese aufklärerische Devise so
um, daß sie nun lautet: Habe Mut, dich deines Denkens als eines
Hellseherorgans zu bedienen!
In seiner "Philosophie der Freiheit" beschreibt Steiner
exakt jenen von Jürgen Habermas gesuchten Quellpunkt
emanzipatorischer Vernunft, den Punkt, wo Vernunft und Wille sich
dekken: In moralischer Intuition, Phantasie und Technik wird Vernunft
praktisch, ohne dabei zur Fremdbestimmtheit und Instrumentalität
verurteilt zu sein.
Wie
für Georg Lukács ist für Steiner die Determination des Subjekts
durch das Objekt eine aufzuhebende Verkehrung, die jedoch nicht als
kollektive Aktion, sondern nur als die Gemeinschaftsbildung durch die
freiheitsfähigen Individuen denkbar ist. Wie Karl Korsch und andere
betont Steiner die "tätige Seite": Erkenntnis ist keine
Widerspiegelungsrelation, sondern die Wahrheit ist Freiheitstat.
Jedoch löst Steiner anders als marxistische Kritiker der
Widerspiegelungstheorie nicht etwa Denken und Erkenntnis in Praxis
auf. Vielmehr soll die tätige Seite im Erkenntnisprozeß selbst so
zur Entfaltung gebracht werden, daß das Handeln aus Erkenntnis und
damit die Vergeistigung und Befreiung der Praxis möglich wird. Rudolf
Steiners Sozialwissenschaft steht der "kritischen Theorie"
der Frankfurter Schule insofern näher als der traditionellen, als bei
ihm das durch Sozialwissenschaft vermittelte Selbstbewußtsein der
Gesellschaft immer als integrales Moment der gesellschaftlichen
Wirklichkeit gedacht ist. Er zieht aus dieser Einsicht aber die
Konsequenzen und geht damit über die Frankfurter Schule weit hinaus:
Das Konzept der institutionell garantierten Freiheit des Geisteslebens
beschreibt die Bedingungen einer "lernenden Gesellschaft"
(C. Lindenau), in der selbstbewußte Menschen erst wirklich aus
sozialer Erkenntnis handeln können.
Rudolf
Steiner bezeichnet die Anthroposophie einmal als Bewußtsein des
Menschentums des Menschen. Nimmt man die folgenden Sätze des jungen
Marx ernst, so fordert der radikal zu Ende gedachte Marxismus eine
solche Anthroposophie: "Radikal sein, ist die Sache an der Wurzel
fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst."
Daß ein Buch über Berufsalternativen für arbeitslose Lehrer die
'vielfach unbeachteten Verdienstmöglichkeiten' in sogenannten
esoterischen Berufen preist, dürfte deutlich genug zeigen, daß
die Triebkraft solcher Bemühungen nicht immer das reine
Wahrheitsstreben sein muß (vgl. C.V. Rock, ECON-Praxis, Düsseldorf
1984, S. 167). Hierher gehören denn auch jene Führer, die
"den einfachen Weg" zu den tiefsten Daseinsgeheimnissen
versprechen, und die Bekenntnisse von Jungunternehmern, die
schildern, wie sie dank "Meditation", oder was sie dafür
halten, ihre erste Million gemacht haben.
Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.
Einleitung. In: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 1, Berlin/DDR 1969,
S. 385.
Ernst Bloch, Die Okkulten. In: Durch die Wüste (1923). Frankfurt
1964.
Vgl. zur Tradition der klassischen Philosophie den Beitrag zum
"Mitteleuropa"-Thema.
Vgl. hierzu den Mitteleuropa-Beitrag.
Zitiert nach: Karl Marx. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
dargestellt von Werner Blumenberg. Reinbek bei Hamburg 1962, S.
42.
Er ist unter anderem auch bei dem Goetheanisten Henrik Steffens
eingeschrieben.
Brief vom 10. November 1837, MEW-Ergänzungsband I, Berlin/DDR
1968, S. 3-12.
Der Materiebegriff erscheint bei Marx gelegentlich wie mystisch überladen
- daß in der "Heiligen Familie" im Zusammenhang mit dem
Materie-Begriff Jakob Böhme zitiert wird, ist sicher kein Zufall.
Jürgen Euler hat in seiner Diplomarbeit "Identität und
marxistischer Materialismus" (Frankfurt 1977) anhand
bestimmter Passagen aus dem Frühwerk die These aufgestellt, der
junge Marx müsse eine Art mystischen
"Erleuchtungserlebnisses" gehabt haben. In der Tat könnte
ein unzureichend verarbeiteter und deshalb von Marx mißdeuteter
Einbruch in das Tagesbewußtsein vorliegen. Es würde dies erklären,
wie Marx sich als ein in die wahren Triebkräfte der Geschichte
"Eingeweihter" fühlen kann.
Ökonomischphilosophische Manuskripte (1844), in: MEW, Ergänzungsband
I, a.a.O., S. 574.
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen
Staatsrechts (§§ 261-313). MEW, Band 1, Berlin 1969, S. 201-333.
Vgl. im folgenden auch: Zur Judenfrage, a.a.O.
Deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Philosophie in
ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des
deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten, MEW 3,
Berlin 1969.
MEW Ergänzungsband I, a.a.O., S. 511f.
Vgl. MEW Ergänzungsband I, a.a.O.
Karl Marx, Die Frühschriften, Stuttgart 1953, S. LIII.
Vgl. zu diesem Teil das äußerst instruktive Werk von Leszek
Kolakowski, Die Hauptströmungen des Marxismus, München 1979, 3 Bände.
Ich teile allerdings manche Einschätzungen Kolakowskis nicht oder
nur sehr bedingt, so zum Beispiel seine zentrale These vom Verfall
des Marxismus.
Eduard Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die
Aufgaben der Sozialdemokratie, 1899, Reinbek 1969.
Man muß sagen, daß sich theoretische und politische
"Frontenbildung" nicht unbedingt decken müssen. So
schließt sich zum Beispiel Bernstein 1917 der "linken"
USPD an und kehrt erst 1920 in die SPD zurück.
Alle internationalen Auseinandersetzungen widerspiegelten sich
noch einmal in der Konkurrenz traditionsmarxistischer,
trotzkistischer und maoistischer beziehungsweise anderweitig
"antirevisionistischer" Gruppen und Grüppchen in der
Studenten- und Jugendbewegung der westlichen Länder.
Es können hier nur wenige Namen stellvertretend genannt werden:
Harich und Havemann in der DDR, die Praxis-Gruppe in Jugoslawien
gehören hier ebenso hin wie Garaudy in Frankreich, Fischer und
Marek in Östereich, Sik und Löbl in der CSSR, Schaff und
Kolakowski in Polen. Selbstverständlich darf man alle diese
Denker nicht "über einen Kamm scheren".
Lukács wird in Budapest geboren und arbeitet dort in einem Zirkel
sozialistisch gesinnter Intellektueller mit, in dem auch Bela
Bartok, Zoltan Kodaly und Karl Mannheim verkehren. Er studiert in
Berlin und Heidelberg unter anderem bei dem lebensphilosophisch
geprägten Georg Simmel und setzt sich mit dem Neukantianismus
auseinander. 1918 tritt er in die KP ein, ist während der
ungarischen Räterepublik einige Zeit Volkskommissar für das
Bildungswesen, wie er später 1956 unter Nagy kurze Zeit
Kulturminister ist.
Mit einigen Einschränkungen kann man auch den großen Theoretiker
der Kommunistischen Partei Italiens, den ab 1926 unter Mussolini
eingekerkerten Antonio Gramsci (1891-1937), hier einordnen. Vgl.
hierzu wie zu den übrigen angeführten Denkern Kolakowski, a.a.O.
Diese von Max Adler über Lukács bis zu Iring Fetscher
verbreitete These stößt auf verschiedene Schwierigkeiten: Die
hinsichtlich des Materialismus-Problems eindeutige "Heilige
Familie" von Marx und Engels ist zum großen Teil von Marx
formuliert. Im Vorwort zur Ausgabe des "Anti-Dühring"
von 1885 teilt Engels mit, daß er Marx das gesamte Manuskript des
Werkes (für das Marx selbst ein Stück verfaßte und das alle
Grundgedanken der materialistischen Naturdialektik enthält)
vorgelesen habe. Es ist angesichts der Art der Beziehungen
zwischen Marx und Engels kaum denkbar, daß sich in der
Korrespondenz oder an anderer Stelle nicht wenigstens ein winziger
Hinweis finden sollte, falls Marx wirklich irgendwelche Einwände
gegen das Werk gehabt haben sollte.
Es bleibt dabei offen, wieweit sich diese Position von der der bloß
"letztinstanzlichen" Determination des Bewußtseins
unterscheidet, wie sie Friedrich Engels besonders in seinen Spätbriefen
als die allein "marxistische" betont hat.
Der Begriff Frankfurter Schule hängt mit dem 1922 aus privaten
Mitteln gegründeten, aber als Forschungsinstitut mit der
Universität Frankfurt verbundenen Instituts für Sozialforschung
zusammen. Zum Kreis des Instituts gehörten neben den Genannten
unter anderen Carl Grünberg, Friedrich Pollock und Walter
Benjamin.
Kolakowski schreibt in diesem Zusammenhang, Adornos Werk sei nicht
nur keine Fortsetzung von Marx, sondern laufe diesem direkt
zuwider (a.a.O., III, S. 413), das Marx-Bild Fromms sei
simplifiziert und einseitig (III, S. 420), Herbert Marcuses
grundlegende Hegel-Interpretation sei nahezu deckungsgleich mit
der von Marx angegriffenen Interpretation der Junghegelianer (S.
435).
Kolakowski, a.a.O., S. 405.
Besser würde man von "instrumentellem Verstand" - im
Gegensatz zur Vernunft - sprechen.
Vgl. Kolakowski, a.a.O. S. 421f.
Habermas untersucht die Wandlungen des Spätkapitalismus und kommt
zu dem Ergebnis, daß unter den Bedingungen des
Zur-unmittelbaren-ProduktivkraftWerdens der Wissenschaft ein
wissenschaftlich-staatlich-technischer Komplex sich bildet, der
die Politik mehr als bloßen Überbau sein läßt. Es verändere
sich dadurch der Charakter der gesellschaftlichen Konflikte.
Marcuse mußte wie Bloch, Adorno, Horkheimer und viele andere in
der Zeit des Nationalsozialismus in die USA emigrieren. Im
Gegensatz zu den Vorgenannten blieb er dort nach dem Krieg und
lehrte in Kalifornien.
Marcuses Verständnis des "Eros" bleibt allerdings durch
sein Haften an rein freudianisch-triebtheoretischen Überlegungen
ein reduziertes.
Steiners Wahlspruch meint etwas anderes: Steiner entwickelt einen
Gottesbegriff, der mit einem solchen Anthropozentrismus nicht nur
zusammengedacht werden kann, sondern ihn geradezu zur Konsequenz
hat. Der Schöpfer hat sich demzufolge der Welt nicht
vorenthalten, er hat sich aus Liebe in sie ausgegossen, und wenn
man seinen Intentionen nachspüren will, dann muß man sie suchen
in den Intentionen der freien menschlichen Persönlichkeit, denn
in ihr lebt sich dieser Schöpfer dar. Vgl. zu dem ganzen Komplex
Christoph Lindenberg, Individualismus und offenbare Religion.
Rudolf Steiners Zugang zum Christentum. Stuttgart 1970.
Goethe, Maximen und Reflexionen, 509, Hamburger Ausgabe, Band 12,
Taschenbuchausgabe München 1982.
Karl Marx, Die Frühschriften, a.a.O., S. 341.
"Materialismus und Empiriokritizismus", Lenin-Werke (LW)
Band 14, Berlin/DDR 1968. Eine Darstellung der
Entstehungsgeschichte dieses 1909 veröffentlichten Werks und
seiner Wirkung findet sich bei Kolakowski, Band II, an den ich
mich in der Darstellung der empiriomonistischen Philosophie
weitgehend anlehne, wenn ich auch seiner These, Lenins Schrift sei
philosophisch weitgehend gehaltlos, nicht folgen kann: Rüde
Polemik und der sinnlose Fideismus-Vorwurf gegenüber dem
theoretischen Gegner können nicht über das in bezug auf das
Materialismus-Problem höchst entwickelte Problem-Bewußtsein
hinwegtäuschen. Es ist im vorliegenden Zusammenhang interessant,
daß Rudolf Steiner wiederholt Avenarius als Vater der
Staatsphilosophie des Bolschewismus apostrophiert hat (siehe GA
186; GA 328, Die soziale Frage, Dornach 1977, S. 130 und Anm. des
Herausgebers auf S. 195 dazu). Der Irrtum geht, worauf als erster
O. B. Hansen aufmerksam gemacht hat, offenbar auf die Lektüre
eines älteren Artikels von N. Berdjajew zurück, der über den
wachsenden Einfluß des Empiriomonismus in der bolschewistischen
Partei berichtete. Man muß auch bedenken, daß die Kodifizierung
des Leninschen Werks erst später - in der Stalin-Ära - erfolgte.
(Vgl. auch "Das Goetheanum", 51. Jg., Nr. 2, Dornach
1972, S. 10ff.) Daß Steiner in der Sache - der Bewertung der
Denkart des Empiriomonismus - durchaus nicht neben der Wahrheit
lag, dürfte aus den folgenden Ausführungen hervorgehen.
MEW, Band 2, a.a.O., 1969, S. 49.
Vgl. ebenda die Ausführungen zum Wahrheitsbegriff.
Vgl.auch im folgenden Kolakowski, Band II, S. 475-497. Als Primärliteratur
kommt in Betracht: Avenarius, Philosophie als Denken der Welt gemäß
dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes (1876); Kritik der reinen
Erfahrung, 2 Bände (1888-90); Mach, Die Mechanik in ihrer
Entwicklung historisch-kritisch dargestellt.
Vgl. hierzu Strawe, Marxismus und Anthroposophie, Stuttgart 1986,
S. 95ff.
Siehe zum Beispiel Gerhard Vollmer, Evolutionäre
Erkenntnistheorie, in: Information Philosphie, Basel, Nov. 1984,
S. 4ff.
Zur Erkenntnistheorie vgl. außer Steiners Einleitungen zu Goethes
Naturwissenschaftlich Schriften, Grundlinien einer
Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, Wahrheit und
Wissenschaft, Die Philosophie der Freiheit (GA 1-4): Strawe,
a.a.O., S. 142ff; Herbert Witzenmann, Intuition und Beobachtung, 2
Bde., Stuttgart 1977 und 1978; ders., Strukturphänomenologie.
Vorbewußtes Gestaltbilden im erkennenden Wirklichkeitenthüllen.
ein neues wissenschaftstheoretisches Konzept, Dornach 1983; Peter
Schneider, Erkenntnistheoretische Grundlagen der Waldorfpädagogik.
In: St. Leber (Hrsg.), Die Pädagogik der Waldorfschulen und ihre
Grundlagen, Darmstadt 1985; ders., Waldorfpädagogik, Stuttgart
1985.
Vgl. insbesondere die entsprechenden Passagen in GA 2 und 3.
H. Witzenmann, a.a.O., S. 101.
Damit widerspreche ich insoweit der These von Hans Jürgen
Scheurle in seinem wichtigen Werk Die Gesamtsinnesorganisation -
Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung in der Sinneslehre,
Stuttgart, New York 1984.
Die "Entwirklichung" durch die menschliche Organisation
ist also gerade dasjenige, was Freiheit möglich macht. Vgl.
Strawe, a.a.O., S. 48ff.
Vom Menschenrätsel, GA 20, Taschenbuchausgabe Dornach 1984, S.
152.
Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, a.a.O.,
S. 197f.
Vgl. Strawe, a.a.O., Teil I.
Steiner, Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die
zeitgenössische Erkenntnistheorie. Persönlich-Unpersönliches.
In: Philosophie und Anthroposophie. Gesammelte Aufsätze
1904-1923, GA 35, Dornach 1984, S. 307ff. Das Zitat findet sich
auf S. 328f.
So formuliert Schneider, a.a.O., S. 42.
Diese Forschungsrichtung ist in der Praxis bislang vor allem in
der Gestaltung des naturwissenschaftlichen Unterrichts an den
Waldorfschulen fruchtbar gemacht worden. Siehe etwa die Arbeiten
von Frits H. Julius, Ernst-Michael Kranich und Wolfgang Schad. Zur
Problematik der chemischen Formelsprache F.H. Julius, Grundlagen
einer phänomenologischen Chemie, Teil II, Stuttgart 1965, S.
52ff.
Ernst Bloch hat einmal - unter Berufung auf Goethe, in merkwürdiger
Verkennung des durchaus unmaterialistischen Gehalts dieses
Gedankens - von den echten Gestalten als "Spannungsfiguren,
Tendenzfiguren eines Unterwegs, also auch Auszugsgestalten
ihrer selbst" gesprochen. (Tübinger Einleitung in die
Philosophie 2, Frankfurt/M 1964, S. 127.) Konsequent hat diesen
Gedanken jedoch nur die Anthroposophie - im Anschluß an Goethe -
angewendet.
Geisteswissenschaft und soziale Frage, in: Lucifer-Gnosis. GA 34,
Dornach 1987, S. 221., S. 221.
Am 20.8. 1919 bei der Begrüßung der 17 Teilnehmer des ersten
Lehrerkurses, in: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik,
GA 293, Taschenbuchausgabe, Dornach 1975, S. 214.
Diesen Gesichtspunkt hat C. Lindenberg in dem Aufsatz "Die
Grenzen der sozialen Theorie. Soziale Differenzierung und
Dreigliederung", in: Die Drei, Heft 5, Stuttgart 1980, S.
277ff., zum ersten Mal herausgearbeitet.
Hierher gehört natürlich auch das Thema "Dreigliederung und
Politik": Rudolf Steiner hat auf der Weihnachtstagung 1923
der Anthroposophischen Gesellschaft in die "Statuten"
den Satz aufnehmen lassen, die Politik betrachte die
Anthroposophische Gesellschaft nicht als in ihr Aufgabenfeld
fallend. Es ist verständlich, daß dieser Satz dann von manchen
mißverstanden wurde: Daß die anthroposophisch orientierte
Sozialwissenschaft nicht die bedeutungsvollsten Impulse für
politisches Handeln beinhaltet, war nicht gemeint. Gemeint war
nur, daß eine spirituelle Gemeinschaft nicht mit einer
parteipolitischen verwechselt und daß mit der Spiritualität kein
politischer Mißbrauch getrieben werden darf; und gemeint war auch
dies, daß in einer Erkenntnisgemeinschaft freier Persönlichkeiten
prinzipiell politische Urteile nicht kollektiv, sondern stets von
einzelnen verantwortet werden.
Marx
hat einmal gesagt: Wer nicht politisch denkt und handelt, für den
wird politisch gedacht und gehandelt. Das ist richtig. Richtig ist
aber auch das andere: Wer nur politisch denkt und handelt, wird
dem sozialen Organismus nicht gerecht.
Zur Darstellung der Konsequenzen, die dieser Ansatz im einzelnen
hat, verweise ich auf das Buch von Stefan Leber:
Selbstverwirklichung, Mündigkeit, Sozialität. Eine Einführung
in die Dreigliederung des sozialen Organismus. Stuttgart 1978.
Einschneidende Konsequenzen ergeben sich auch für die Neuordnung
des Geldwesens. Es sei hierzu auf den in Vorbereitung befindlichen
Band III der in Stuttgart erscheinenden Reihe
"Sozialwissenschaftliches Forum" zu dieser Thematik
verwiesen.
Vgl. Rudolf Steiner, Mein Lebensgang, GA 28, Dornach 1982, S.
376f.
Zur sozialwissenschaftlichen Bedeutung eines solcherart
imaginativ, inspirativ und intuitiv erweiterten Bewußtseins s.
Dietrich Spitta, Nachwort in, Soziale Frage und Anthroposophie.
Rudolf Steiner Themen aus dem Gesamtwerk, Band 13, ausgewählt und
herausgegeben von Dietrich Spitta, Stuttgart 1985, S. 292ff.
Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, a.a.O., S.
385.