5.
Die Erkenntniswissenschaft Rudolf Steiners und der Marxismus
In den
vorangegangenen Kapiteln dürfte bereits deutlich geworden sein, daß
die erkenntniswissenschaftliche Fundierung eine zentrale Rolle in
Steiners Denken spielt. Die Erkenntnistheorie bildet für ihn die
notwendige Grundlage aller wissenschaftlichen Arbeit, untersucht sie
doch dasjenige, was alle übrigen Wissenschaften ungeprüft
voraussetzen, das Erkennen selbst. So erst kann sich Wert und
Bedeutung der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse herausstellen. Um
ihrer Aufgabe gerecht zu werden, muß aber die Erkenntnistheorie,
soweit die Struktur des menschlichen Erkenntnisvermögens dies überhaupt
erlaubt, voraussetzungslos sein.[1] In seiner Einschätzung
der Bedeutung der Erkenntnistheorie stimmt Steiner mit den seinerzeit
philosophisch tonangebenden Neukantianern überein, inhaltlich
befindet er sich jedoch in entschiedener Frontstellung zu ihnen und
will den Kant-Glauben überwinden helfen, ohne freilich die Verdienste
des Königsbergers schmälern zu wollen. Steiner will nicht wie Kant
vor der Erkenntnis feststellen, was diese nicht
leisten kann, sondern vielmehr untersuchen, wie sie möglich ist,
und ins rechte Licht setzen, was sie leistet. Die Lösung beginnt mit
der richtigen Problemstellung, -
an der es in der Erkenntnistheorie bisher gemangelt habe.
Deshalb sucht Steiner bei der Analyse des Erkenntnisaktes auf dessen
letzte Elemente zurückzugehen und so die Grundfrage der
Erkenntnistheorie richtig und sauber zu formulieren. Er verweist in
diesem Zusammenhang auf die überall in den erkenntnistheoretischen
Systemen vorhandenen versteckten Voraussetzungen, die er mit Kants
Grundfrage nach der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori in
Verbindung bringt. In dieser liegen Steiner zufolge bereits zwei
dogmatische Voraussetzungen, daß nämlich alles Erfahrungswissen
prinzipiell nur bedingte Gültigkeit haben könne, und daß es neben
der Erfahrung noch einen anderen Weg der Erkenntnis geben müsse.
Diese Voraussetzungen übernimmt Kant von seinen Vorgängern,
besonders von Hume, ohne sie in seinen Untersuchungen noch einmal zu
hinterfragen, als ob sie nicht in besonderem Maße zunächst der
erkenntnistheoretischen Rechtfertigung bedürften.[2] Der Fehler der
bisherigen Erkenntnistheorie lag nach Steiner daran, daß sie Fragen,
deren Entscheidung schon dem Gebiet der Erkenntnis angehört - wie z.
B. die nach dem Verhältnis von Materie und Bewußtsein, Subjekt und
Objekt - an den Anfang der Erkenntnistheorie gestellt und damit das
Postulat der Voraussetzungslosigkeit verletzt hat. Diesen kritischen
Einwand Steiners würde man mit ähnlichem Recht gegenüber der
neopositivistischen oder kritisch-rationalistischen Beleuchtung des
Erkenntnisproblems vorbringen können. Denn, ob man nun vom
Verifikations- oder Falsifikationsprinzip ausgeht, in beiden Fällen
muß man bereits identifizierte Erfahrungen, also Erkenntnis
voraussetzen. Die Verifikation des Satzes: Auf diesem Tisch liegt
jetzt eine Büroklammer, setzt den Akt voraus, durch den etwas als
Tisch, Büroklammer usw. identifiziert und durch die Termini "jetzt“ und
"liegen“ aufeinander bezogen werden kann. Die
Falsifikation des Allsatzes: Alle Schwäne sind weiß, durch die
Beobachtung eines schwarzen Schwans, setzt den Erkenntnisakt voraus,
durch den irgend ein Etwas als Schwan identifiziert werden kann, erklärt
ihn also nicht.[3] Steiners
Forschungsstrategie besteht in der Suche nach einem
voraussetzungslosen Anfang, nach dem Ort der Genesis der Erkenntnis
aus der Nicht-Erkenntnis. Er versucht ein außerhalb
der Erkenntnis liegendes Gebiet aufzufinden, das dem
Erkenntnisgebiet jedoch unmittelbar vorgelagert ist, so daß man hoffen darf, von ihm
ausgehend, den Anfang der Erkenntnis rekonstruieren zu können. Dieses
Gebiet, findet er in dem Bild der Welt, "das dem Menschen vorliegt,
bevor er es in irgendeiner Weise dem Erkenntnisprozeß unterworfen
hat, also bevor er auch nur die allergeringste Aussage über dasselbe
gemacht, die allergeringste Bestimmung an demselben vorgenommen hat.
Was da an uns vorüberzieht, dieses zusammenhanglose und doch auch
nicht in individuelle Einzelheiten gesonderte Weltbild, in dem nichts
voneinander unterschieden, nichts aufeinander bezogen ist, nichts
durch ein anderes bestimmt erscheint: das ist das unmittelbar Gegebene
[...] Wenn ein Wesen mit vollentwickelter Intelligenz plötzlich aus
dem Nichts geschaffen würde und der Welt gegenüberträte, so wäre
der erste Eindruck, den
letztere auf seine Sinne und sein Denken machte, etwa das, was wir mit
dem unmittelbar gegebenen Weltbilde bezeichnen.“[4] Mit zwei Einwänden
gegen diesen Einstieg in die Erkenntnistheorie setzt sich Steiner
auseinander: Erstens, daß "unmittelbar Gegebenes“, "Weltbild“, "zusammenhanglos“ usw. auch schon Begriffe sind,
so daß es scheinen kann, als werde mit ihnen doch bereits eine
Erkenntnis vorausgesetzt. Zweitens, daß dem Menschen das
Unmittelbar-Gegebene normalerweise so nie im Leben vorliegt. Gegenüber
dem ersten Einwand weist Steiner darauf hin, daß die monierten
Begriffe am Anfang der Erkenntnistheorie nicht in einem inhaltlich
charakterisierenden Sinne, sondern nur in blicklenkender Absicht
verwandt werden. Jeder, der Erkenntnistheorie betreibt, hat schon
gewisse Erkenntnisse. Um den Weg zum Anfang der Erkenntnis zu finden,
muß aus diesen alles entfernt werden, was ein Produkt der Erkenntnis
ist. Und das kann nur durch begriffliche Erwägungen geschehen, diese
gehören aber nicht selbst dem Anfang an, sondern dienen dazu, die
Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. Sie sind für Steiner also
gewissermaßen Krücken, die man wegwirft, wenn man am Ziel ist: der
begrifflosen Vergegenwärtigung des Unmittelbar-Gegebenen. Es
handelt sich bei den notwendigen begrifflichen Erwägungen auch nicht
um Wahrheit oder Unwahrheit, sondern nur um ihre Zweckmäßigkeit in
bezug auf die Hinlenkung zum Anfang. Irrtum oder Wahrheit liegen
bereits innerhalb des Erkenntnisprozesses. Den zweiten Einwand pariert
Steiner mit dem Argument, daß die Grenze zwischen Gegebenem und
Erkanntem gar nicht anders als künstlich gezogen werden kann, dies
aber auf jeder Entwicklungsstufe des Menschen bei richtiger Schnittführung
zwischen dem möglich ist, "was ohne gedankliche Bestimmung vor dem
Erkennen an uns herantritt, und dem, was durch letzteres daraus erst
gemacht wird.“[5] Das
Unmittelbar-Gegebene schließt alles ein, was überhaupt am
Erlebnishorizont auftauchen kann, von den Empfindungen über die
Wahrnehmungen, Gefühle, Willensregungen, Traumgebilde, Phantasien,
Vorstellungen zu den Begriffen und Ideen. Es ist nach Steiner
methodisch unzulässig, an den Beginn der Erkenntnistheorie die
Voraussetzung zu stellen, dies alles sei nicht mehr als der Bewußtseinsinhalt
des Subjekts, das keinen Absprung ins Transsubjektive habe, weil das
Bewußtsein sich nicht selbst überspringen könne. Für Steiner "liegt die Sache ganz anders. Für uns sind das Bewußtsein sowohl
wie die ,Ich‘-Vorstellung zunächst nur Teile des
Unmittelbar-Gegebenen und welches Verhältnis die ersteren zu den
letzteren haben, ist erst ein Ergebnis der Erkenntnis. Nicht vom Bewußtsein
aus wollen wir das Erkennen bestimmen, sondern umgekehrt: vom Erkennen
aus das Bewußtsein und das Verhältnis von Objektivität und
Subjektivität.“[6] Wie soll man auch vor
aller Erkenntnis wissen, was am Gegebenen objektiv und was subjektiv
ist? Das Raisonnement der Verfechter des erkenntnistheoretischen
Paradoxons, die einfach voraussetzen, das Gegebene sei ein Geflecht
subjektiver Sinnesdaten ohne Ausblick auf eine objektive Welt, ist
demnach fehlerhaft. Wie aber ist nun
Erkenntnis möglich, wie entsteht sie? Dadurch, daß man innerhalb des
Gegebenen etwas entdecken kann, was nur insofern gegeben ist, als es
im Erkenntnisakt erst hervorgebracht wird. Wohlgemerkt, es muß sich
dabei um ein selber unmittelbar Gegebenes, nicht bloß Erschlossenes
handeln. Dieses Etwas sind nun die Begriffe und Ideen; von ihnen
wissen wir unmittelbar, daß sie nicht ohne unser Zutun in den Bereich
des Unmittelbar-Gegebenen eintreten: wir müssen sie denken. Im Denken
halten wir das Weltgeschehen gewissermaßen an einem Zipfel, wo wir
selbst mittun müssen, damit etwas zustandekommt. Die Rätselhaftigkeit
des übrigen Inhalts des Gegebenen liegt gerade darin, daß wir ihn
bereits fertig vorfinden, uns durch ihn immer schon vor vollendete
Tatsachen gestellt finden. Das Denken dagegen ist durchschaubar, weil
wir es selbst hervorbringen; wir brauchen nach seinen Bestimmungen
nicht zu fragen, weil wir sie ihm selbst erteilen. Das Denken brauchen
wir bloß zu beobachten, um mit seiner Erscheinung zugleich sein Wesen
gegeben zu haben. Die Wissenschaft von den Denkformen muß deshalb
eine rein beschreibende, keine beweisende sein, denn jeder Beweis
setzt Logik und Denken voraus.[7] "Wenn wir aber außer
dem Denken etwas erkennen wollen, so können wir das nur mit Hilfe des
Denkens, d.h. das Denken muß an ein Gegebenes herantreten und es aus
einer chaotischen Verbindung in eine systematische mit dem Weltbilde
bringen.“[8]
Das geschieht, indem die Elemente des Gegebenen nach Maßgabe
der vom Denken produzierten Formen aufeinander bezogen werden und
bestimmt wird, was sich aus dieser Beziehung ergibt: das vorher
unkonturierte Gegebene erhält dadurch erst Kontur. Indem wir uns dies
bewußt gemacht haben, haben wir nichts anderes getan, als das Wesen
der Erkenntnis aus der Beobachtung des Erkenntnisvorgangs selbst zu
bestimmen. Aus dem unmittelbar vor der Erkenntnis gelegenen Gebiet des
Unmittelbar-Gegebenen stieg etwas vor unserer Beobachtung auf, was über
sich selbst und das übrige Gegebene das Licht der Erkenntnis
verbreitete. Der Erkenntnisakt hat sich uns enthüllt als die Synthese
des gegebenen Wahrnehmungsinhalts und des produzierten
Begriffsinhalts, als die Synthese zweier Teile des Weltinhalts, die
zunächst künstlich auseinandergerissen wurden, durch die denkende
Weltbetrachtung. Daß wir nur mithilfe
der vom Denken produzierten Formen erkennen, bedeutet nicht, daß wir,
wie der Kantianismus annahm, ins Gefängnis unserer Subjektivität
eingemauert sind und uns über die Welt allenfalls indirekt
unterrichten können. Indem das Denken zwei Teile des Gegebenen
aufeinander bezieht, hat es von sich aus gar nichts über sie
bestimmt. Das Denken produziert z. B. die Gedankenform der Ursächlichkeit,
muß aber Ursachen und Wirkungen in der Welt finden. Das
Erkenntnisexperiment der Vereinigung dieser Gedankenform mit zwei
Elementen des Gegebenen gelingt nur, wenn diese Elemente aufgrund
ihrer inhaltlichen Bedeutung den Denkversuch annehmen, d.h. sich als
Ursache und Wirkung darstellen. Erst der gelungene Denkversuch kann
eine Erkenntnis genannt werden. "Das Denken sagt nichts a priori über
das Gegebene aus, aber es stellt jene Formen her, durch deren
Zugrundelegung a posteriori die Gesetzmäßigkeit der Erscheinung zum
Vorschein kommt.“[9] Steiners Ansatz führt
über die Alternative von Empirismus und Rationalismus hinaus. Er
verwirft das Kriterium der Erfahrung nicht, er radikalisiert es, indem
er die willkürliche Ausklammerung des Denkens als der höheren
Erfahrung in der Erfahrung aus dem Erfahrungsganzen aufhebt. Indem er
die kontrollierte seelische Beobachtung zur entscheidenden Methode der
Erkenntniswissenschaft erhebt, gerät diese zur
Erfahrungswissenschaft, ohne in einen bloßen Introspektionismus zu
verfallen. Bei der vom Denken unerhellten Erfahrung haben wir es
nicht, wie die Empiristen meinen, mit ‚Tatsachen der Wirklichkeit‘
zu tun, sondern mit einer Unterlage für den Erkenntnisprozeß. Das
Wesen einer Sache ist in ihrem unmittelbaren Gegebensein zunächst
verhüllt und muß durch das Denken gefunden werden. Subjektiv ist
dieses Denken nur hinsichtlich seiner Hervorbringung durch den
Denkwillen des Erkennenden im Denkakt. In seiner selbstbestimmten
Inhaltlichkeit ist das Denken subjekts- und objektsallgemein: Die
Denkakte der Individuen, die den Begriff Dreieck hervorbringen, haben
alle den gleichen intendierten Inhalt, der für alle individuellen
Dreiecke gilt. Das Denken ist so das Auffassungsorgan für den
immanenten Ideengehalt des Gegebenen. Daß Gegebenes und Begriff zunächst
getrennt auftreten, gehört nicht zum Wesen der Sache, sondern ist der
Struktur des Erkenntnisprozesses und der Organisation des erkennenden
Subjekts zuzurechnen. Die Form, in der die Welt für den Erkennenden
zunächst auftritt, die des fertig Gegebenseins, ist daher die zu überwindende,
subjektive: Erst die durch den Erkenntnisakt gewonnene Gestalt des
Weltinhalts kann, so Steiner, Wirklichkeit genannt werden. Erst durch
das Denken beginnt die vorher stumme Wirklichkeit eine deutliche
Sprache zu reden. Das Denken ist für Steiner der Dolmetscher, der die
Gebärden der Erfahrung deutet, ihren Sinn entschlüsselt. Das
Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit, so Steiner, ist die wahre
Kommunion des Menschen.[10] Für die an Kant
orientierte Erkenntnistheorie galt der Satz ‚Die Welt ist meine
Vorstellung‘ faktisch als Axiom. Gegen keinen Satz hat Steiner wohl
so häufig polemisiert wie gegen diesen. Begründet wird der Satz
damit, daß jedes Objekt immer ein Objekt für ein Subjekt sei: Kein
Objekt ohne Subjekt. Wie er E. v. Hartmann schreibt, will Steiner
diesem Satz jedoch "keine andere als bloß logische Bedeutung
zuerkennen.“ Der Satz besagt für
ihn "nichts weiter, als daß das Gegebene in bezug auf das ,Ich‘
(diese beiden als Wahrnehmungsinhalt genommen) die logische
Eigenschaft des Objekt-Seins, das Ich die des Subjekt-Seins erhält.
Nicht aber wird über den Inhalt des als Objekt Auftretenden dadurch
etwas ausgemacht, also auch nicht dieses, daß er meine Vorstellung
ist.“ Steiner kann den "Schritt nicht mitmachen, durch den die
empirisch gegebene Welt in das Bewußtsein hineingenommen wird [...]
auch im Augenblicke eines Wahrnehmens rechne ich nur soviel zum Bewußtseinsinhalt,
als dann als Erinnerungsvorstellung zurückbleibt.“[11] Insoweit der Mensch
denkt, so Steiner, erteilt er sowohl den Phänomenen der Außenwelt
als auch denen seiner subjektiven inneren Welt begriffliche
Bestimmtheiten, lebt also im Denken in einer Tätigkeit, die im
genannten Sinn Subjekt-Objekt-übergreifend ist. Soweit er wahrnimmt,
hat er äußere Wahrnehmungen und Wahrnehmungen an sich selbst: er
beobachtet sich in bezug auf seine Gefühle, Vorstellungen und
Willensimpulse. Dabei macht er die Beobachtung, daß er von den
gemachten Wahrnehmungen Vorstellungen
zurückbehält, d.h. solche Begriffe, die mit bestimmten
Erfahrungen über den Gegenstand, auf den sie sich beziehen, gesättigt
und dadurch individualisiert sind. Nur in diesem Zusammenhang ist für
Steiner der Begriff der Vorstellung sinnvoll. Der Satz von der Welt
als meiner Vorstellung ergibt keinen Sinn, selbst wenn man den
naheliegenden Einwand, daß der Unterschied zwischen Wahrnehmung und
Vorstellung eines heißen Eisenstücks doch so erheblich ist, daß es
ungerechtfertigt erscheint, sie mit dem gleichen Begriff zu bedenken,
einmal beiseite läßt. Wenn Schopenhauer den Satz damit begründet,
die Sonne sei uns nicht ohne das Auge und die Erde nicht ohne die fühlende
Hand gegeben, dann vergißt er, so Steiner, daß Auge und Hand nicht
weniger Wahrnehmungen sind als Sonne und Erde und deshalb mit dem
gleichen Recht Vorstellungen genannt werden können wie diese. Damit
aber hebt sich der Satz selbst auf.[12] Nicht weniger verhängnisvoll
in bezug auf die Gewichtung der Momente und Seiten des
Erkenntnisprozesses als die mangelnde Differenzierung zwischen
Wahrnehmung und Vorstellung ist die zwischen Vorstellung und Begriff.
An einer sinnlich gegebenen Kreislinie kann ich nur die Vorstellung,
nicht den Begriff eines Kreises bilden. Den idealen Kreis muß ich mir
innerlich konstruieren: "Sie haben also den Unterschied zu machen,
daß die Vorstellung gewonnen wird an äußeren Gegenständen, daß
der Begriff aber durch innere Geisteskonstruktion entsteht.“[13]
Der Schein, daß die Begriffsbildung primär durch Abstraktion
zustandekomme, rührt von einem mangelnden Bewußtsein für diese
innere Aktivität der Begriffsbildung her: "Man glaubt, in der Außenwelt
treten uns [...] weiße, schwarze, braune, gelbe Pferde entgegen und
daraus soll man den Begriff des Pferdes bilden [...] Man läßt, was
verschieden ist, weg, zunächst die weiße, schwarze usw. Farbe, dann,
was sonst verschieden ist [...] und schließlich bleibt etwas
Verschwommenes; das nennt man den Begriff ,Pferd‘.“[14]
Abstrakt werden die Begriffe in ihrer Isolierung voneinander und von
der Wahrnehmung, im bloßen Verstandesdenken. Dieses ist ein
notwendiger Durchgangspunkt des Erkenntnisprozesses, insofern es klar
umrissene Begriffe schafft, ohne die die Welt ein verschwommenes
dunkles Chaos bliebe. Aber das analytische Vermögen bedarf der Ergänzung
durch das synthetische der Vernunft, die die isolierten Einzelgedanken
in Fluß bringt, ineinander übergehen läßt und dadurch das Konkrete
auf höherer Ebene wiedergewinnt, als die konstitutive geistige
Einheit des Mannigfaltigen. Noch so scharfsinniges Unterscheidungsvermögen
erreicht nicht die Tiefenschicht, in die die zusammenfassende Kraft
des Denkens dringt.[15] Ein wichtiges
Unterscheidungsmerkmal zwischen der Erkenntniswissenschaft Steiners
und den meisten zeitgenössischen Erkenntnistheorien ist seine auf
Goethe fußende Auffassung des Verhältnisses zwischen Erfahrung und
Theorie. Gesetzesaussagen dürfen sich nach Steiners Verständnis
nicht von der Erfahrung entfernen, sondern dienen nur dazu, innerhalb
des Erfahrungsgebiets das Notwendige vom Zufälligen zu trennen. Es
ist leicht zu sehen, daß das modellorientierte Denken der modernen
Naturwissenschaft den Kompetenzbereich der Theorie demgegenüber viel
weiter faßt. Für Goethe und Steiner soll nichts "hinter“ den Phänomenen
gesucht werden. Sie sollen nicht interpretiert, sondern in einen
Zusammenhang gebracht werden, in dem sich ihr immanentes Gesetz, ihr
Logos, ausspricht. Die Forderung ‚Zu den Sachen‘ und der phänomenologische
- nicht phänomenalistische! - Grundansatz ist ein Berührungspunkt
zwischen Steiners Erkenntnistheorie und der Philosophie Edmund
Husserls, dessen Lehrer Franz Brentano er in dem Buch "Von Seelenrätseln“
an zentraler Stelle einen Nachruf gewidmet hat.[16] Daß sich Erfahrung
und Theorie bzw. Hypothese nicht widersprechen, ist für die letzteren
noch kein Beweis. Es könnte ja in der Realität für den zu erklärenden
Vorgang doch eine andere Ursache vorliegen, als die hypothetisch
unterstellte, denn schließlich können dieselben Wirkungen
verschiedenen Ursachen entspringen. Deshalb müssen für Steiner die
Bedingungen für ein Phänomen unmittelbar und nicht auf dem Umweg der
Bestätigung durch die Folgen aufgewiesen werden. Sonst ist die Gefahr
nicht zu umgehen, daß die Lücke zwischen Sinneserfahrung und Denken
durch Hirngespinste ausgefüllt wird.[17]
Die experimentelle Methode allein ist noch keine
Versicherung gegen Phänomenferne und mangelnden Wirklichkeitsbezug
des Denkens. Bekanntlich läßt sich die ‚Theorie‘, bei
philosophischer Literatur handle es sich um Brennmaterial, leicht
experimentell ‚sichern‘ und kaum falsifizieren, ohne daß man
dieser Theorie deshalb eine erhebliche Bedeutung für die Wirklichkeit
zuerkennen dürfte! Vom Standpunkt der
marxistischen Erkenntnistheorie aus könnte gegen Steiners
erkenntniswissenschaftlichen Ansatz geltend gemacht werden, das
Kriterium des Hervorbringens, durch das Steiner einen Schnitt durch
das Gegebene zieht, müsse in Wahrheit auf die materielle Praxis
bezogen werden, diese, nicht die Denkpraxis, verbürge Erkenntnis. Dem
kann verschiedenes entgegnet werden. Zunächst einmal wäre es
unzutreffend, Steiner eine ‚idealistische‘ Unterschätzung der
gegenständlichen Tätigkeit zu unterstellen. Für Steiner ist ein
unpraktisches Denken und gedankenlose Praxis gleichermaßen als
Wahrheitskriterium untauglich. Für ihn existiert zwischen Denken und
Praxis keine chinesische Mauer: Denken ist eine ,innere Handlung‘ -
okkult-physiologisch eine Bewegung des Ätherleibs, - während die
handwerkliche Praxis in vieler Hinsicht ein äußeres Denken ist -
wenn man von intelligenten Händen spricht, ist das mehr als eine
Redensart. Steiner kritisiert die ‚Verkopfung‘ unserer
intellektuellen Kultur als eine Vereinseitigung des Menschen und will
auf eine Verlebendigung des Denkens hinwirken, auf ein Denken, das den
ganzen Menschen ergreift, das nicht nur im übertragenen Sinne Hand
und Fuß hat. Die anthroposophische Erkenntniswissenschaft ist
zugleich ein Übungsweg, der zu solcher Verlebendigung führen soll.
Steiners Erkenntnistheorie berührt sich durch das Konzept des "Wirklichkeitsaufbaus“ in der Auseinandersetzung des Menschen mit
der Welt mit der Piagets, wie es auch in der Entwicklungspsychologie
zwischen beiden zahlreiche Parallelen gibt. Steiner beobachtet in
seiner Pädagogik, wie der ichhafte Wille im gegenständlichen Handeln
lebt, und wie das Kind, lange bevor distanzierte Vorstellungen
auftreten, unmittelbar, aus einem überbewußten Verstehen heraus,
Sinneseindrücke mit Bewegungsabläufen und Qualitätserfahrungen
verbindet. Und er zeigt, wie das Denken an der Praxis erwacht und sich
schärft.[18] Steiner begründet
jedoch nicht etwa wie Piaget die Erkenntnis entwicklungspsychologisch,
vielmehr ruht seine Entwicklungspsychologie und Pädagogik fest auf
dem von ihm geschaffenen erkenntniswissenschaftlichen Fundament. Die
äußerst instruktive Untersuchung Peter Schneiders über Waldorfpädagogik
macht dies deutlich.[19] Es ist Ausdruck der
methodischen Stringenz von Steiners Ansatz, daß er am Anfang der Erkenntnistheorie den Begriff der Tätigkeit nicht so
weit faßt, daß ihm die Voraussetzungslosigkeit verloren geht. Die
voraussetzungslose Erkenntnistheorie darf nicht die Tätigkeit
schlechthin zum Ausgangspunkt nehmen, sondern nur ein solches Tun, das
seinen Inhalt erst im Erkenntnisakt selbst hervorbringt. Und ein
solches ist nur das begriffliche Denken. Andere Tätigkeiten dagegen
sind immer ein Umgehen mit einem bereits gegebenen Material. Das
Denken ist deshalb das primäre Moment für die
Erkenntniswissenschaft, weil es sich im Gegensatz zum gegenständlichen
Handeln, in dem immer auch undurchschaute Momente walten, ganz zu
durchschauen vermag. An der leiblichen Bewegung wird zunächst nur
bewußt, was daran beobachtet oder vorgestellt werden kann: wir achten
auf den Bewegungsablauf und richten ihn so ein, daß das vorgestellte
Resultat erreicht wird; was währenddessen im Organismus, in der
Muskulatur usw. vor sich geht, bleibt weitgehend unbewußt. Wir übertragen
die Erfahrung unserer Fähigkeit, einen Körper anzustoßen und
dadurch zu bewegen auf das Wahrnehmungsbild des Anstoßes eines Körpers
durch einen zweiten und erklären sie uns dadurch, aber wir verbinden
dabei nur das Wahrnehmungsbild mit unserem vorstellungsgesättigten
Begriff. Die Rolle der praktischen Umgangserfahrungen für die
Erkenntnis ist gewaltig, aber wir werden uns immer eingestehen müssen,
daß diese Rolle stets darin besteht, daß wir Beobachtungen, die wir
im Umgang mit den Dingen machen, durch Nachdenken erklären. Es ist
deshalb durchaus verkehrt, aus der Rolle der Praxis für die
Erkenntnis einen Beweis dagegen ableiten zu wollen, daß Beobachtung
und Denken die beiden Grundsäulen der Erkenntnis sind. Von der Praxis
kann in der Wissenschaft nur soweit die Rede sein, als wir sie zu
erkennen vermögen, alle Aussagen über sie müssen sich auf
Beobachtungen und klare nachvollziehbare Gedanken stützen.[20] Einen weiteren
Einwand könnte man vom Standpunkt der marxistischen Erkenntnistheorie
daran festmachen, daß Steiner primär den individuellen und nicht den
gesellschaftlichen Erkenntnisprozeß ins Auge fasse. Dem wäre zuerst
einmal zu entgegnen, daß dieser nicht über den individuellen
Erkenntnisakten schweben, sondern sich nur in ihnen als ein bestimmter
Zusammenhang verwirklichen kann. Erkennen und Verstehen kann immer nur
der einzelne Mensch. Einen ‚gesellschaftlichen Erkenntnisprozeß‘
in dem Sinne, daß nicht miteinander vergesellschaftete individuelle
Subjekte, sondern Kollektivsubjekte, Klassen, Nationen, die
Gesellschaft ,als solche‘ erkennt, kann es, vom Standpunkt der
anthroposophischen Erkenntniswissenschaft aus gesehen, nicht geben.
Die "Kollektivmeinungen“ sind ein Stück "kollektives Unterbewußtes“,
wie es sich gerade durch solche psychologischen und
sozialpsychologischen Prozesse bildet, die der Erkenntnis vorgelagert
sind und ihr Gebiet nicht erreichen. Hierhin gehören die gedankenlos
reproduzierten Gedanken anderer, die mit suggestiver Kraft geltend
gemachten Partei- und Werbeparolen, mit denen gerade nicht an das
erkennende Bewußtsein appelliert wird, sondern an Emotionen,
Interessen, Instinkte aller Art. Es sind aber nicht nur negative
Erscheinungen, die hier beheimatet sind, sondern auch bestimmte
Momente der in einem Volkszusammenhang bestehenden Empfindungsart oder
der Einstellungen im Zusammenhang einer Klasse oder Berufsschicht, -
z.B. ein spontanes Empfinden für Solidarität in Teilen
der Arbeiterschaft. Erkenntnis ist dies
alles (noch) nicht. Denn diese beginnt, wie wir sahen, mit dem
begrifflichen Denken, dem wachen Beobachten, dem abwägenden Urteil.
Damit wird nicht der gesellschaftliche Rahmen geleugnet, in dem sich
die individuelle Erkenntnis abspielt, die natürlich eine
Voraussetzung im einmal vorhandenen Wissen, in der Kultur der
Epoche findet. Auch ist zu bedenken, daß das Denken, solange es noch
nicht in sich reflektiert ist -gewöhnlich ist es, wie Steiner sagt,
das unbeobachtete Moment des Seelenlebens -,
nicht rein auftritt, daß sich in den Erkenntnisprozeß
einmal gebildete Vorstellungen, Vorurteile, Wünsche, Antipathien störend
hineinmengen und insofern die Ebene des Individuellen und des
Kollektiven im gewöhnlichen Bewußtseinsleben ineinanderspielen. Es
bedarf der übenden Bewußtmachung des Erkenntnisvorgangs, um solche
Momente unterscheiden zu lernen und die Quellen der die Erkenntnis trübenden
Illusionen zu verstopfen. Außerdem sind viele Begriffe, da wir sie in
der Kindheit, aus dem Überbewußten heraus, erworben haben, mit
Erinnerungselementen tingiert, von der Auffassungsweise der damaligen
Umgebung mitgeprägt. Gerade in diesen Problemen liegt die praktische
Bedeutung einer Erkenntniswissenschaft, die darauf abzielt, ein
deutliches Unterscheidungsvermögen für die Anteile des
Wahrgenommenen, Vorgestellten und Gedachten in unserem Weltbild
herauszubilden. H. Witzenmann schreibt dazu: "Wir leben [...], wo
wir wahrzunehmen glauben, bereits in einer begrifflich reich
durchformten Welt, die unser selbstverständlicher, doch unterbewußter
Besitz ist und in ihrem durchschnittlichen Niveau mit dem
Wirklichkeitseigentum der in einer Epoche und in einem Kulturkreis
zusammenlebenden Menschen übereinstimmt. Diese Tatsache verführt uns
immer wieder dazu, den Anteil von Wahrnehmung und Begriff an unseren
Bewußtseinsinhalten unscharf zu scheiden und an ein Übergewicht des
Wahrnehmungsgehaltes zu glauben, wo in Wahrheit der Anteil des Denkens
und der in seine Gewohnheiten eingeschleusten Vorurteile überwiegt.“[21] Steiners Konzeption
des intuitiven Denkens, des "Denkens als Gedankenorgan“[22]
bedeutet nicht nur, daß das Denken Gedanken entwickelt, sondern
daß es in der Lage ist, die Ideen eines anderen so in sich
aufzunehmen und in sich lebendig zu machen, als wären es die eigenen.
Gerade dieser Aspekt muß der entscheidende für die
‚Gesellschaftlichkeit der Erkenntnis‘ sein. Denn im wirklichen
Dialog handelt es sich um die Wesensberührung von Individualitäten,
nicht um kollektives Bewußtsein. Indem Erkenntniswissenschaft solches
Verstehen üben läßt, trägt sie dazu bei, Sozialität aus
mitmenschlichem Verständnis zu begründen. Die Rede von einer
gesellschaftlichen Determination (d.h. Vorherbestimmung) der
Erkenntnis dagegen führt in die Irre, so richtig es ist, daß Keplers
Entdeckungen unmöglich waren ohne Fernrohr, daß selbst ein Galilei
wohl kaum die Unschärferelation entdecken konnte. Aber da durch die
Entdeckung des Fernrohrs nicht jeder ein Kepler wurde, bleibt die
Frage nach der entscheidenden Rolle der Persönlichkeit doch eine
berechtigte: Wo ein gesellschaftliches Bedürfnis eine bestimmte
Entdeckung geradezu herausfordert, findet sich in der Regel jemand,
der sie macht -
doch ist dies nicht irgend jemand, sondern ein Jemand mit
entsprechenden Erkenntniskräften. Pascals Schwester Gilberte
schildert z. B., wie ihr 12jähriger Bruder ohne andere
Wissensvoraussetzungen als die Auskunft des Vaters, die Mathematik sei
das Mittel, richtige Figuren zu entwerfen und die Proportionen
zwischen ihnen aufzufinden, in kurzer Zeit durch eigene Untersuchungen
- ohne Bücher -
Definitionen und Axiome des Euklid neu schuf.[23] Bei aller verbalen
Abgrenzung vom Utilitarismus droht die marxistische These von der
Genesis aller Erkenntnis aus den Notwendigkeiten einer immer primär
auf die physische Existenzerhaltung gerichteten Praxis doch, den
prinzipiellen Unterschied zwischen dem Willen zur Erkenntnis, bei dem
die Wahrheit selbst Bedürfnis geworden ist, und dem beschränkten
Erkenntnisinteresse des Nutzenstandpunkts zu verwischen. Wie oft ist
es doch - vor allem auf dem Felde der Selbsterkenntnis - nützlicher
und praktischer, sich zu täuschen als rücksichtslose
Wahrheitserforschung zu betreiben! Die Wahrheitsfrage
ist von Steiners Standpunkt gesehen komplexer, als die marxistische
These vom Widerspiegelungscharakter der Erkenntnis in Verbindung mit
dem Praxiskriterium glauben machen möchte. Steiner verhielt sich zwar
zum Widerspiegelungsbegriff zustimmend, soweit dieser ausdrückt, daß
Begriffe für sich genommen sowenig eine Wirklichkeit haben wie
Spiegelbilder. Doch im Sinne einer Abbildtheorie der Erkenntnis lehnt
er ihn ab: die Wahrheit sei nicht Wiederholung eines ohne den Menschen
Vorhandenen in begrifflicher Form, sondern eine freie Schöpfung des
Menschen als tätigem Mitschöpfer des Weltprozesses, der ohne die
Erkenntnis gar nicht als in sich abgeschlossene Ganzheit gedacht
werden kann.[24]
Die Widerspiegelungstheorie der Erkenntnis setzt letztlich
einen Standpunkt jenseits der Erkenntnis voraus, von dem aus sich
Original und Spiegelbild vergleichen ließen. Das ist aber unmöglich,
und die tatsächliche Korrektur unserer Vorstellungen an der
Wirklichkeit funktioniert nicht in dieser Weise. Die Wahrheit könne
nicht bestehen, wenn sie nur im Subjekt gemacht werde, hält Steiner
Kant entgegen. Zwei Arten der Täuschung sind es, durch die sich das
Subjekt die objektive Wahrheit verstellt: mangelnde Selbstentäußerung
beim Beobachten, d.h. fehlende Klarheit über die Besetzung der
sinnlichen Eindrücke mit Lieblingsmeinungen und -gedanken; mangelnde
Eigentätigkeit in der Begriffsbildung, das Erlahmen des Denkwillens
und dadurch das Entstehen von Einbruchsstellen für gewohnheitsmäßige
Denkformen und verzerrende Emotionen in das Vorstellungsleben. "Warum reden die Menschen von verschiedenen Meinungen? Weil sich
zwischen die Wahrheit und dasjenige, was der Mensch vernimmt in seinem
Inneren, sein Emotionelles schiebt und ihm die Sache verzerrt,
karikiert.“[25]
Steiner unterstreicht das dialektische Verhältnis von relativer und
absoluter Wahrheit: Die Relativität sei relativ und nähere sich
asymptotisch der Absolutheit: die Perspektiven aller philosophischen
Weltanschauungen führten auf eine zu.[26]
Solches Herangehen ermöglicht es ihm, die Toleranzidee nachdrücklich
zu verfechten und dogmatischen Absolutheitsansprüchen
entgegenzutreten, ohne sich deswegen genötigt zu sehen, den
Wahrheitsbegriff in einer pluralistischen oder anarchistischen
Erkenntnistheorie auflösen zu müssen, wie es die moderne
Wissenschaftstheorie in ihrer durch Lakatos und Spinner einerseits,
Feyerabend andererseits begründeten Variante zuletzt tun zu müssen
glaubte.[27]
Wenn Steiner öfters positiv auf Goethes Satz Bezug nimmt: "Kenne ich mein Verhältnis zu mir und zur Außenwelt, so heiß‘
ichs Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es
ist doch immer dieselbe“, dann ist das ein Plädoyer für das
Lebendige, Undogmatische, Individuelle und Originelle, nicht etwa eine
Absage an den Begriff der objektiven Wahrheit. Das Ziel
wissenschaftlicher Forschung sind wahre Urteile. H. Witzenmann baut
seine Überlegungen zum Wahrheitsproblem auf Steiners Unterscheidung
der Urteile in Wahrnehmungs- und Begriffsurteile auf. Durch die
ersteren wird erkannt, daß ein sinnenfälliger Gegenstand seinem
Wesen nach mit einem bestimmten Begriff zusammenfällt, sie haben zum
Subjekt eine Wahrnehmung und zum Prädikat einen Begriff (Beispiel:
Dieses Tier hier ist ein Hund). Die letzteren verbinden zwei Begriffe
ohne Rücksicht auf eine Einzelwahrnehmung (Beispiel: Die Freiheit ist
die Bestimmung eines Wesens aus sich selbst heraus). Da das Kriterium der
Wahrheit nicht außerhalb des Erkenntnisgebiets gesucht werden kann,
muß es den Charakter einer Vergewisserung über die Wahrheit des
Wissens haben, zugleich aber eindeutig mehr sein als ein subjektives
Bestätigungserlebnis, denn wir halten ja im Leben mancherlei für
gewiß, was sich schließlich als höchst unsicher, ja vielleicht
sogar falsch herausstellt. Ein Begriffsurteil, so Witzenmann, ist nur
dann wahr, wenn seine "Begriffe allein aufgrund des von ihnen selbst
geführten Hervorbringens verbunden werden“, keine Vorstellungen aus
anderen Zusammenhängen als undurchschaute, im Gedankengang nicht
aufgehende Momente eingeflochten werden, so daß völliger "Durchblick“, Klarheit, vollkommene Evidenz entsteht.
Wahrnehmungsurteile dagegen sind wahr, wenn sie das Ergebnis eines
gelingenden Erkenntnisexperiments sind; wenn die "Entscheidung über
die Zusammengehörigkeit von Wahrnehmung und Begriff nicht durch
subjektive Willkür gefällt“, sondern eingesehen wird, "daß die
in höchster Selbstentäußerung empfangene Wahrnehmung den in höchster
Selbsttätigkeit gebildeten“ und experimentell an sie
herangetragenen "Begriff durch sich selbst festhält, wenn er ihr
entspricht“. Ist das nicht der Fall, muß ein neuer
Vereinigungsversuch unternommen werden, oder aber man muß sich des
Urteils enthalten. In jedem Fall muß auf die Zuhilfenahme phänomenferner
Hilfsvorstellungen, die nur Vor-Urteile sein können, verzichtet
werden.[28] Das materielle
Experiment ist ein Spezialfall des Erkenntnisexperiments der
Vereinigung von Idee und Wahrnehmung. Ein Versuch wird nach
Gesichtspunkten aufgebaut, die man die Idee des Experiments nennen
kann. Es wird eine Idee an die Erfahrung herangebracht, "gewissermaßen
der Natur selber zur Prüfung vorgelegt [...] Das Resultat besteht im
typischen Fall in einer einfachen Wahrnehmungstatsache, die ihre
Bedeutung hat für die Idee des Experiments.“[29]
"Während uns ein Phänomen der Außenwelt unklar ist, weil wir nur
das Bedingte (die Erscheinung), nicht die Bedingung kennen, ist uns
das Phänomen, das der Versuch liefert, klar, denn wir haben die
bedingenden Faktoren selbst zusammengestellt.“[30] "Nur wer in die
Schule der experimentellen Urteilsbildung gegangen ist, ist einer
wirklichkeitsverträglichen Phantasie bei der freien (nicht von der
Wahrnehmung gestützten) Individualisierung der Begriffe, die er
seinem Handeln zugrundelegt fähig“, schreibt Witzenmann.[31]
Gerade auf diese moralische Phantasie kommt es beim schöpferischen
sozialen Handeln an, ohne das es keinen gesellschaftlichen Fortschritt
gibt. Steiners Ansatz, was
das Verhältnis von Erkenntnis und sozialer Bewegung angeht, läßt
sich nicht umstandslos einem der gegensätzlichen Begriffe "Werturteilsfreiheit“ und
"Parteilichkeit“ subsumieren. "Nicht der ,Zuschauerstandpunkt‘, sondern sowohl die analytische
Aufhellung wie auch Hilfe bei der Verwirklichung sozialer
Gestaltungsaufgaben“ ist der anthroposophischen Sozialwissenschaft
eigen.[32] Das Postulat einer
‚objektiv-wertfreien‘ Sozialwissenschaft ist für Steiner Ausdruck
der Begrenztheit des an der Naturwissenschaft geschulten Denkens, das
sich nur am Gängelband der äußeren sinnenfälligen, experimentell
reproduzierbaren bzw. statistisch konstatierbaren Tatsachen bewegen
will und sich damit letztlich zur Unfruchtbarkeit gegenüber der
sozialen Wirklichkeit verurteilt.[33] Ein Dezisionismus,
der die Brücke vom Erkennen zum Handeln nicht finden kann und deshalb
nur die Willkür übrig läßt, war Steiners Sache nicht. Das Handeln
soll auf objektiver Einsicht beruhen, die Wertentscheidung jedoch ganz
in die subjektive Verantwortung des einzelnen gestellt sein. Eine
allgemeine Ethik als normierende Wissenschaft erscheint Steiner als
innere Unmöglichkeit, als Eingriff in die Freiheitssphäre des
einzelnen. Darin unterscheidet er sich auch von dem von ihm geschätzten
Max Scheler, mit dem er die Richtung gegen den ethischen Formalismus
Kants gemein hat. Ethik darf Steiners "Philosophie der Freiheit“
zufolge nicht mehr sein als eine "Naturlehre der sittlichen
Vorstellungen“, die es mit den "moralischen Phantasieerzeugnissen
der freien menschlichen Individuen“ zu tun hat.[34]
Mit der marxistischen Vorstellung einer aus Klasseninteressen
begründbaren, kollektiv verbindlichen humanistischen Moral, wie sie
der These von der Einheit von Objektivität und Parteilichkeit
zugrundeliegt, gerät Steiner durch solchen "ethischen
Individualismus“ in Konflikt: Für ihn kann wahre
Gemeinschaftlichkeit nur aus dem selbstverantworteten Handeln der
einzelnen hervorgehen. "Wie ist aber ein Zusammenleben der Menschen
möglich, wenn jeder nur bestrebt ist, seine Individualität zur
Geltung zu bringen? Damit ist ein Einwand des falsch verstandenen
Moralismus gekennzeichnet. Dieser glaubt, eine Gemeinschaft von
Menschen sei nur möglich, wenn sie alle vereinigt sind durch eine
gemeinsam festgelegte sittliche Ordnung.“[35] Das, was man sich
heute angewöhnt hat, als totalitär zu bezeichnen, besteht gerade in
dieser Meinung, daß in der Gesellschaft von irgendwelchen dazu
berufenen Instanzen gewisse kollektiv verbindliche Grundwahrheiten
bzw. ethische und ästhetische Maximen festgelegt werden müssen, die
es dem Volk durch Bildung, "Agitation und Propaganda“ usw.
einzutrichtern gelte. Der Totalitäre mit seinem Mißtrauen gegen den
einzelnen "versteht eben die Einigkeit der Ideenwelt nicht. Er
begreift nicht, daß die Ideenwelt, die in mir tätig ist, keine
andere ist, als die meiner Mitmenschen [...] Der Unterschied zwischen
mir und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht darin, daß wir in
zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern daß er aus der
uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich. Er
will seine Intuitionen ausleben, ich die meinigen. Wenn wir beide wirklich aus der Idee schöpfen und keinen
äußeren (physischen oder geistigen) Antrieben folgen, so können wir
uns nur in dem gleichen Streben, in denselben Intuitionen begegnen.
Ein sittliches Mißverstehen, ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien Menschen ausgeschlossen [...] Nur der sittlich Unfreie [...]
stößt den Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem gleichen Instinkt
und dem gleichen Gebot folgt. Leben
in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnis des
fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien
Menschen.“[36]
Man kann den Menschen unserer Epoche nicht
Gemeinschaftlichkeit durch äußere Mittel beibringen, die dann
alsbald zu Zwangsmitteln werden. Kritische Theorie,
die sozial bedingte Erkenntnisreduktionen aufdeckt, ist für eine
solche Denkart allemal berechtigt. Eine solche Erkenntnisschranke ist
etwa das aus der Klassenlage einer Minderheit sich ergebende
Interessen an der Rechtfertigung bestehender inhumaner
gesellschaftlicher Verhältnisse. Aber die Beseitigung von Schranken
allein schafft noch keinen positiven Erkenntnisinhalt -
dieser erwächst aus Willen zur Erkenntnis, nicht bloß aus
einer alternativen ‚fortschrittlichen‘ Interessenlage. Die
Berufung auf die Praxis darf nicht zum Legitimationsritual verkommen:
die Ergebnisse der Praxis sprechen nicht für sich selbst,
,beweisen‘ nichts automatisch, sondern bedürfen der Deutung, über
die freie Diskussion möglich sein muß. Wo dies nicht der Fall ist,
gerät die Freiheit des Geistes- und Erkenntnislebens in Gefahr: damit
aber droht sozialer Rückschritt, auch wenn die Infragestellung der
Erkenntnisfreiheit mit dem ‚sozialen Fortschritt‘ und seinen
Notwendigkeiten begründet wird. Die Darstellung des
anthroposophischen Erkenntnisbegriffs bliebe an entscheidender Stelle
unvollständig, wenn sie nicht das einbezöge, was Steiner die
Erkenntnis höherer Welten nennt: Indem der Erkenntnis Suchende lernt,
mit dem Geist zu kommunizieren, der die sichtbare Welt durchprägt,
kann er sich schließlich fähig machen, sich für geistige
Wesenhaftigkeit auch da zu öffnen, wo sie sich im Physischen nicht
unmittelbar manifestiert. Der Schritt ins "Okkulte“ ist für viele
bis heute das entscheidende Ärgernis, das sie an Steiner nehmen. Mit
dem Hinweis auf Steiners Okkultismus versucht man bis heute, seinen
Erkenntnismethoden und Forschungsergebnissen die Wissenschaftlichkeit
abzusprechen. Als Kriterien der Unterscheidung von Wissenschaft und
Pseudowissenschaft können genannt werden: Logische Stimmigkeit (d.h.
Freiheit von absurden Widersprüchen), Vereinbarkeit der jeweiligen
Aussagen mit den vorliegenden empirischen Befunden, empirischer
Gehalt, kritische Reflexion der Begriffsbildung und der angewandten
Methoden, das Streben nach Objektivität und einer gewissen
Systematik, die allerdings offen sein muß, keinen dogmatisch
abgeschlossenen Charakter haben darf. Ihrem eigenen Selbstverständnis
nach hat Steiners "Geisteswissenschaft“, mit der er sich in eine
übersinnliche Welt von Wesenheiten und Kräften wagt, die für das
gewöhnliche Bewußtsein nicht existent sind, diese Kriterien nicht zu
scheuen. Die Grenzüberschreitung soll methodisch kontrolliert
erfolgen, so daß man davor gefeit ist, in ein bloß subjektives
illusorisches und halluzinatorisches Erleben zu geraten. Die Kontrollmöglichkeit
liegt darin, daß vom Denken ausgegangen wird. Das ist grundsätzlich
neu: alle frühere okkulte Schulung ging andere Wege, mußte sie
gehen, Wege, die heute obsolet geworden sind.[37]
Im reinen Denken liegt Steiner zufolge bereits der Keim der
Hellsichtigkeit beschlossen. Denn "die Gedanken und Ideen entstehen
genau durch denselben Prozeß, durch den die höchsten Kräfte
entstehen. Und es ist ungeheuer wichtig, daß der Anfang der
Hellsichtigkeit etwas ganz ganz Alltägliches eigentlich ist. Man muß
nur die übersinnliche Natur der Begriffe und Ideen erfassen [...]“
Und im gleichen Atemzuge wird Kants Satz von der Aufklärung als dem
Mut, sich der eigenen Vernunft ohne fremde Leitung zu bedienen,
aufgegriffen und umgebildet: "Mensch, erkühne dich, deine Begriffe
und Ideen als die Anfänge eines Hellsehertums anzusprechen.“[38] Gewöhnlich ist man
geneigt, Hellsehen im Zusammenhang mit mediumistischen und visionären
Phänomenen zu sehen, mit einer herabgestimmten Bewußtseinsverfassung.
Steiner hält dagegen, ihm gehe es nicht um Dämpfung, sondern um
Steigerung des Bewußtseins. Während ihm sein Okkultismus bei den
einen den Vorwurf des Irrationalismus eintrug, wird denn auch aus den
Kreisen der "Guru-Industrie“ über ihn verbreitet, gerade sein
Intellektualismus hindere ihn am wahren Eins-Werden mit All-Einen.[39]
Sehr eindrucksvoll hat Steiner das Verhältnis von
Anthroposophie und Philosophie selber auf dem 4. Internationalen
Philosophenkongreß 1911 in Bologna dargestellt: Nach längeren
erkenntnistheoretischen Ausführungen, die darin gipfeln, daß
Erkenntnis etwas Unabgeschlossenes und Fließendes ist, das seine
Grenzen immer weiter vorschiebt, entwickelt er dort, welcher Art die
Übungen sind, die zum Erkennen höherer Welten führen. Man versenkt
sich systematisch und wiederholt in Gedanken bzw. symbolische Bilder,
die nicht in ihrer äußeren Bedeutung genommen werden, sondern die
man als wirkende Kräfte in der Seele leben läßt. "Am
fruchtbarsten sind diejenigen, welche sich in lebendiger Art
zusammenfassend auf einen mannigfaltigen Inhalt beziehen. Man nehme
als ein erfahrungsgemäß gutes Beispiel das, was Goethe als seine
Idee von der ,Urpflanze‘ bezeichnet hat.“ Auch mathematische
Gebilde sind besonders gut geeignet. "Die wahre Geistesforschung
nimmt den ganzen Seelenapparat von Logik und Selbstbesonnenheit mit,
wenn sie das Bewußtsein aus der sinnlichen in die übersinnliche Sphäre
zu verlegen versucht. Deshalb kann auch nicht gegen sie vorgebracht
werden, daß sie das rationelle Element der Erkenntnis unberücksichtigt
lasse. Sie kann allerdings ihren Inhalt nicht nach
der Wahrnehmung denkerisch in Begriffen bearbeiten, weil sie das
rationelle Element bei ihrem Herausgehen aus der Sinnenwelt stets
mitnimmt und es wie ein Skelett der übersinnlichen Erfahrung in aller
übersinnlichen Wahrnehmung als einen integrierenden Bestandteil stets
beibehält.“[40] Die Stufenleiter der
höheren Erkenntnis führt vom reinen Denken über die Imagination zur
Inspiration und Intuition. Die gewöhnliche Erkenntnisstufe, die zur
Erlangung von Erkenntnissen höherer Welten überstiegen werden muß,
ist die gegenständliche, "materielle“ Erkenntnis: Hierhin gehört
auch die gewöhnliche wissenschaftliche Erkenntnis, denn die "Wissenschaft arbeitet ja nur das gewöhnliche Erkennen feiner aus,
macht es disziplinierter. Sie bewaffnet die Sinne durch Instrumente -
Mikroskop, Fernrohr usw. -, um genauer
zu sehen, was die unbewaffneten Sinne nicht sehen [...] Auch in
der Anwendung des Denkens auf die Dinge und Tatsachen bleibt diese
Wissenschaft bei dem stehen, was schon im alltäglichen Leben
getrieben wird. Man ordnet die Gegenstände, beschreibt und vergleicht
sie, man sucht sich ein Bild von ihrer Veränderung zu machen.“ Die
materielle Erkenntnis "bildet bei einem gesunden Menschen kein Bild
und keinen Begriff, wenn ein äußerer Sinnesgegenstand nicht
vorhanden ist. Das ,Ich‘ bleibt dann untätig.“[41] Das reine Denken ist
der erste Schritt aus der materiellen Erkenntnis heraus: man benutzt
die Begriffe nicht mehr instrumentell, sondern macht sich die Tätigkeit
der Begriffsbildung in seelischer Beobachtung bewußt. Man findet so
das Ich - im Unterschied zum gewöhnlichen leibgebundenen Selbstgefühl
- als geistige Realität, die sich im Denken darlebt. Die Erkenntnis höherer
Welten muß aber nun das Ich aus sich herausführen und mit
Wesenhaftem in Berührung bringen, das gleichen Wirklichkeitsrang hat
wie das Ich. So wie es im gewöhnlichen Sinne Phantastik ist, sich
Gegenstände vorzustellen, wo keine sind, so ist es Phantastik, sich
geistige Realität einzubilden, wo keine ist. Geistige Realität
kleidet sich zunächst in innere Bilder. Die Fähigkeit, mit solchen
Bildern umzugehen, ist die Kraft der Imagination. Dieses Umgehenkönnen
bedeutet auch, sich bewußt zu sein, daß man es hier noch mit Bildern
von Realität, nicht mit dieser selbst zu tun hat. Auf der zweiten
Stufe, die Steiner als Inspiration bezeichnet, kommt man zu
Erlebnissen, in denen Wesen der höheren Welten ihre Bedeutung
unmittelbar aussprechen, die dritte Stufe, die "Intuition“, ist
wirklicher Wesenstausch, Erkennen durch "Identisch-Werden“ mit dem
zu Erkennenden, ohne das Eigenwesen zu verlieren. B. Wulff faßt die
Charakterzüge der drei Stufen prägnant so zusammen: In der denkenden
Selbstinnewerdung ergreift sich das Ich als schaffendes Wesen, in der
Wesenserkenntnis offenbart sich ihm das Wesen als schaffende Bilder
(Imaginationen); im "Fühlensbezug“ beeindruckt das Wesen den
Erkennenden wie der Ton das Gehör (natürlich darf man dabei nicht an
physisches Tönen denken; es ist nur ein Vergleich); im "Willensbezug“ erkennt sich das Ich als verwandt mit den hinter
der physischen Natur wirkenden Willenskräften, den schöpferischen
Wesenheiten der Welt.[42] Als Bedingungen für
eine geistige Schulung, die zu solchen ,höheren‘ Erkenntnissen führt,
nennt Steiner Achtung und Bewunderung für Wahrheit und Erkenntnis,
Entwicklung des inneren Lebens: "Schaffe dir Augenblicke innerer
Ruhe und lerne in diesen Augenblicken das
Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden.“[43]
Konzentration steht am Anfang; das Erüben eines
kontrollierten Denkens an einfachen, nicht mit Erinnerungsvorstellungen
durchsetzten, überschaubaren Themen. Dabei wird zum Erlebnis, daß
die Autonomie des Bewußtseins zunächst geringer ist, als man gewöhnlich
von sich annimmt: Sich konzentrieren, wenn nicht äußere Umstände
dazu zwingen, will erst gelernt sein. Gelassenheit, Willensinitiative,
Positivität und Unbefangenheit sind Eigenschaften, die sich der Übende
anerziehen soll. Die Konzentration öffnet den Weg zu Kontemplation
und Meditation. In "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren
Welten“ und der "Geheimwissenschaft“ treten die aus der
Dialektik bekannten Gedankenmotive als Meditationsinhalte auf: Man
soll sich ein lebendiges Gefühl für die Polarität von Aufbau- und
Abbauprozessen in der Natur, für die Lebenszustände der Naturwesen
erwerben. Man soll sich immer wieder in die in einem Pflanzensamenkorn
verborgenen Werdekräfte versenken oder in der "Rosenkreuzmeditation“ erleben, wie Höherentwicklung mit
Einseitigkeit verbunden ist (Begierdenhaftigkeit und Aggressivität im
Tier- gegenüber dem Pflanzenreich) und wie der geläuterte, gereifte
und dadurch freigewordene Mensch schließlich etwas von der Reinheit
des pflanzlichen Daseins auf höherer Ebene wiedergewinnt. Das
Sinnbild des schwarzen Kreuzes, ans dessen Mitte sieben rote Rosen
wachsen, ist die Bild gewordene "Negation der Negation“.[44]
Steiner hat nie für
sich ein Erkenntnismonopol postuliert oder gläubige Unterwerfung
unter seine Autorität verlangt, vielmehr stets an den gesunden
Menschenverstand und das individuelle Urteil appelliert und darauf
gebaut, daß der von ihm gebahnte Erkenntnisweg von möglichst vielen
Menschen in Selbständigkeit beschritten werden würde. Man kann
gelegentlich hören, die anthroposophische Erkenntnismethode verstoße
gegen das Kriterium der Intersubjektivität. Doch muß schließlich
auch die etablierte Wissenschaft in bezug auf die intersubjektive Prüfung
die Beherrschung der entsprechenden Erkenntnismittel durch die Prüfenden
voraussetzen. So kann also das Problem nur darin bestehen, daß bisher
zu wenige Menschen in das von Steiner aufgewiesene Gebiet soweit
eingedrungen sind, daß sie sich in kompetenter Weise an einer
intersubjektiven Prüfung beteiligen könnten. Das Pionierhafte seines
Weges kann gegen Steiner jedoch nicht ernsthaft als Argument
herangezogen werden. [1] Vgl. GA 3, S. 120. Man vgl. stets auch in GA 2 und 4. [2]
Vgl. GA 3, S. 111, 115, 28. [3] Zum Verhältnis der Erkenntnistheorie Steiners und der modernen Wissenschaftstheorien vgl. Kiene 1984. [4]
GA 3, S. 137. [5]
GA 3, 138 f., vgl. 137, 140. H.J. Scheurle 1984 scheint die Unterscheidung von blicklenkender und charakterisierender Begriffsverwendung bei Steiner zu ignorieren (Vgl. S.52f.). Scheurles Untersuchung der “Gesamtsinnesorganisation“ ist ein bedeutender Beitrag zur Grundlegung einer phänomenologischen Sinneslehre und erweckt Sympathie durch ihre undogmatische Attitüde. In erkenntnistheoretischer Hinsicht bleibt sie aber letztlich unbefriedigend. Scheurle fragt, worin "überhaupt irgend ein greifbarer Unterschied zwischen Wahrnehmung und Denken“ bestehen soll (S. 18), da wir doch im Denken Ideen und Wortbedeutungen wahrnehmen, im Hören und Sehen Farben und Töne und in beiden Fällen keine passive Rezeption vorliegt, sondern eine intentionale Beziehung. Doch besteht nicht ein entscheidender Unterschied darin, daß bei der Begriffswahrnehmung die gerichtete Aufmerksamkeit des Ich einem Gebilde seiner eigenen denkenden Tätigkeit gilt, während es bei sonstigen Wahrnehmungen mit einem gegebenen Inhalt zu tun hat, den es nicht hervorbringt? Und wie soll die Klippe des subjektiven Idealismus und Phänomenalismus umschifft werden, wenn die Nichtigkeit einer nicht etwa von der Wahrnehmbarkeit, sondern von der Wahrnehmung, also dem aktuellen Wahrgenommenwerden, unabhängigen Objektwelt postuliert wird? (S. 28) Es ist Scheurles Verdienst, auf die Problematik des Verhältnisses zwischen Steiners Sinneslehre, die er im wesentlichen akzeptiert, und Steiners Erkenntnistheorie hingewiesen zu haben, die er als noch dualistisch ablehnt. Es zeichnet sich ab, daß dieses Problem in der künftigen anthroposophischen Forschung noch eine große Rolle spielen wird. Die erkenntnistheoretische Spaltung von Wahrnehmung und Begriff stellt nach Scheurle ein Analogon der von ihm zu Recht kritisierten Subjekt-Objekt-Antinomie dar. Deren Zustandekommen führt er auf die statische Auffassung ihrem Wesen nach dynamischer Begriffe zurück. Uns scheint jedoch, daß Steiner Wahrnehmung und Begriff bzw. Intuition und Beobachtung durchaus nicht als starres Gegenüber, sondern als dynamische Polarität begreift, was den Dualismus-Vorwurf gegenstandslos machen würde. Das Denken ist für Steiner nicht eine separate, über der Sinnlichkeit thronende Sphäre, sondern die Funktion, die die dumpferen Sinnesreize zur vollen Klarheit aufhellt, indem sie den in ihnen enthaltenen, dem Subjekt aber vor der Erkenntnis unzugänglichen Geistgehalt in die Unverborgenheit hinaufhebt. Faßt man das Verhältnis von Sinneswahrnehmung und Denken dynamisch, wird man in bezug auf die Diagnose eines Widerspruchs zwischen Steinerscher Sinneslehre und Steinerscher Erkenntnistheorie zurückhaltender sein als Scheurle. Steiner lehnt in dem Anthroposophie-Fragment von 1910 (GA 45) die einfache Gegenübersetzung von Sinneswahrnehmung und begrifflichem Denken ab, weil sie "den notwendigen freien Ausblick auf die Tatsache verstellt, daß zum Beispiel die Geruchsempfindung sehr ferne dem Begriffserlebnis steht, daß aber der Gehörsinn als Sinneswahrnehmung sich schon dem annähert, was im Innern der Seele als solches Erlebnis vorhanden ist.“ (S. 40) Scheurle nimmt an, daß Steiner durch das Konstatieren eines Wortsinns und eines Gedankensinns das Denken der Sinneswahrnehmung subsumiert. Steiner will diese Sinne jedoch als einfaches, unmittelbares und urteilsfreies Verhältnis zu Wort bzw. Begriff charakterisiert wissen. Er beschreibt den Begriffssinn in dem Text von 1910 nicht etwa als Auffassungsvermögen für Begriffe schlechthin, sondern als das Verständnis für die Begriffe eines anderen, "der sich durch Lautsprache, Gestus usw. mitteilt“, und zwar nur insoweit, als in diesem Verständnis noch nicht Urteil, Gedächtnis usw. wirkt. (S. 37) Es handele sich um ein Verständnis für dasjenige, wofür "man es noch gar nicht zu einer Urteilsfähigkeit gebracht hat“ (ibd.). Der eigentliche Erkenntnisvorgang hat es dagegen immer mit der Urteilsbildung in Form von Wahrnehmungs- und Begriffsurteilen, d.h. mit der Tätigkeit des bewußten Hervorbringens von Verknüpfungen zu tun und erfordert ein weit höheres Maß an Selbständigkeit als die charakterisierte unmittelbare Begriffsauffassung. Als deren Organ bezeichnet Steiner übrigens in dem angeführten Text die im vergangenen Leben eines Menschen bereits erworbenen Begriffe. (S. 75) Die Schwierigkeit scheint darin zu liegen, daß die Sinnesorganisation nicht einfach naturgegeben ist, sondern eine Entwicklung infolge der menschlichen Tätigkeit durchmacht und daß das Denken die Sinnesorganisation nicht nur ergänzt, sondern auch modifiziert. Das scheint auch der Grund dafür zu sein, daß man die Grenze zwischen Gegebenem und Erkanntem zunächst künstlich ziehen muß, um sich klarzumachen, worin der eigentliche Erkenntnisvorgang besteht. Mit diesen Bemerkungen soll auf eine mögliche Richtung gedeutet werden, in der das Verhältnis von Erkenntnistheorie und Sinneslehre bearbeitet werden konnte. Einen sehr wichtigen Ansatz für die Weiterentwicklung der anthroposophischen Erkenntniswissenschaft, der hier aber nicht weiter verfolgt werden kann, liefert H. Witzenmann mit seiner "Strukturphänomenologie“ (1983). [6] GA 3, S. 141. [7] Vgl. ibd. 143-147; GA 4, S. 49f. [8] GA 3, 147. [9] ibd., 148. Vgl. vorher 146f. [10] GA 3,S. 151; GA 1, S.89; GA 2,S.51. Vgl. vorher Witzenmann 1977,S. 77f. [11] Brief vom 1. 11. 1894, nach Kugler 1978, S. 33. [12]
GA 4, S. 79. Vgl. S. 107. [13]
GA 108, S. 179. [14]
ibd. [15]
Vgl. GA 2, 52-55. [16] GA 21. Steiner würdigt dort Brentanos Entdeckung der "intentionalen Beziehung“ als Wesensmerkmal des Seelischen. [17] Vgl. Anm. Steiners zu Goethe, Sprüche in Prosa, S. 27 und 31; Anm. zu Goethe, Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, Abschnitt: "Newtons Persönlichkeit“. [18] Vgl. Lindenberg 1981, S. 97f. [19] Schneider 1985. [20] Vgl. Anm. zu Goethe, Sprüche, S. 23; GA 4, S. 38. [21] Witzenmann 1977, S. 174f. Zum “unbeobachteten Denken“ s. GA 4, S. 42. [22] Kallert 1971, S. 43. [23] Nach Karlson 1965, S. 228f. [24]
Vgl. GA 3, S. 112f. [25] GA 188, S. 230. Zu Kant GA 74, S. 89. [26] Fragenbeantwortung zum
Vortr. v. 16. 11. 1923 in GA 319; GA 108, S. 117. [27] Vgl. Spinner 1974, Feyerabend 1976. Ungeachtet des genannten Unterschiedes ist Feyerabend die seltene Ausnahme eines Philosophen von Rang, dem Steiners Genialität nicht verborgen geblieben ist. [28] Witzenmann 1978, S. 28;
1977, S. 174. S. a.
GA 2, S. 120. [29] C. Unger, 1, 1964, S. 19f. [30] GA 1, S. 132. [31] Witzenmann 1978, S. 43. [32] Leber 1978, S. 282. [33] Vgl. zu diesem Komplex bei Schweppenhäuser 1985. [34]
GA 4, S. 242. [35]
ibd., S. 165. [36] ibd., S. 166. [37] Vgl. etwa Bühler 1980, Schulte 1980. Garlgren 1984. [38] In "Okkulte Grundlagen der Bhagavadgita“, GA 146, nach Palmer 1976, s. 111f. [39] So argumentiert z. B. der Sektenführer Bagwan Sre Raijnesh. zur "Guru-Industrie“ vgl. Rau 1972. [40] In GA 35, zit. nach Kugler 1978, S. 44, 47. [41] GA 12, S. 15ff. Dort auch das Folgende. [42]
Wulf 1964, S. 42ff. [43]
GA 10, S. 22. [44]
Vgl. GA 10, S. 32f., 44f.; GA 13, S. 229f.
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